Eigene Mythopoetik mit Apparat. Ein Perpetuum mobile, gebaut aus Holz, Federn und Teer.
Samstag.
Bis 14:00Uhr: im Regen durch Berlin fahren. Erkennen, endlich, dass man schon fast ein Jahr hier wohnt und es langsam auch die eigene Stadt zu werden scheint. Man kennt mittlerweile ein paar Ecken, wenn auch nicht alle und die, die man kennt, sind wahrscheinlich nicht mal interessant. Sich dem Druck, klaustrophobisch hip zu sein in der großen Stadt nicht beugen. Reisemelancholie selbst auf der Fahrt zum Einkaufen.
Ab 15:00 Uhr: Getting there hanging around. Grillpartyeinladungsvorschläge im Sommer als Vegetarier anzunehmen sind meistens: eine schlechte Idee. Man wird schnell zum Zankobjekt („Wer hat dich eigentlich eingeladen, wenn du eh nichts isst?“). Es ist angeraten für den distinguierten Vegetarier, schon bereits vorher eine vollwertige Mahlzeit a.k.a. Biergrundlage einzunehmen. Und dann soviel fleischloses Bier zu trinken bis der mir unbekannte und eigentlich auch nicht unbedingt sympathische dickleibige Gastgeber mich böse anguckt. Alle sind wir lustige Studenten da auf dem Balkon in Mitte, home of the polohemdträger. „Und was studierst du so?“ Mit dem verzweifelten Selbstbewusstsein eines ewig missverstandenen versuche ich einen Witz, der klirrend auf dem eiskalten Boden zerspringt. Die Wirtschaftswissenschaftlerin mir gegenüber verzieht ihren mit Lipgloss und Marinade verschmierten Mund: „Is’ das auch so langweilig wie sich’s anhört?“ Brüller in der Runde. Ich sehe mich selber in einer Fensterscheibe spiegeln und frage mich zum vielleicht 8. Mal in Folge, was ich hier eigentlich verloren habe. Wir reden stattdessen über Sex. Alle arbeiten in derselben Firma. Mir ist langweilig, mir ist kalt und ich hab Hunger. Mich tröstet jedoch, dass ich später erfahre, dass der einzige sympathische Typ, der sich schief lächelnd hinter seinem Bier und seinem trockenen Humor versteckte, Depressionen hat.