„Moskau – Stadt der Widersprüche (?)“

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Wo denn, bitteschön? Von Wahrheit, Wirklichkeit und dem wirklich wahren Geschehen

Komm raus Widerspruch, du bist umzingelt!

Anlass für diesen Artikel ist ein Fundstück bei spiegel.de, wo der Gewinnerbeitrag eines Schülerzeitungswettbewerbs abrufbar war. Dieser Artikel, mit dem schon wirklich wahnsinnig exotisch anmutenden Titel „Moskau, Stadt der Widersprüche“, stieß bei mir persönlich jedoch nach erstem und dann nach zweitem und sogar mehrmaligen Lesen schlecht auf – was soll der Scheiß, so meine Fragestellung an diese Schülerzeitung.Grund für die Aufregung ist, dass meine eigene, ja gar erste Moskau-Erfahrung nur ein paar Wochen zurückliegt. Für einen Monat hatte ich mich nach Russland aufgemacht, man kann sagen, mit gemischten Gefühlen, aber doch großer Neugier, denn in der gesamten Zeit, die ich mich mehr oder weniger mit Russland beschäftige wurde ich das Gefühl nicht los, man enthalte mir irgendetwas vor. Ich konnte mich nie anfreunden mit Reportagen von bettelnden Kindern auf dem Roten Platz, alten Mütterchen in ihrem verschlammten Gemüsegarten und alten zahnlosen, schweigenden Männern, die nur noch ihre Pfeife rauchen wollen und ansonsten zu einem Ende mit sich und der Welt gekommen sind. Is this Russia? fragte ich mich immer wieder. Also, was soll man gegen die Zweifel tun, man fährt hin und öffnet sich selbst die Augen.

Dies ist kein Reisebericht. So wie der Beitrag der Schülerzeitung kein Journalismus ist, sondern abgegriffenste Klischees aus dem Hut zaubert. Als gäbe es in jeder Redaktion eine große, etwas müffige Kiste mit der Aufschrift „Russland“, in der sich abgelegte Überschriften, Schlagwörter („Widersprüche“), Vorstellungen über „das wirklich Wahre“ und krudeste Beschreibungen tummeln. Seit Jahren liest man nun also diese abgenutzten Wörter im Zusammenhang mit Russland respektive Moskau, aber tatsächlich scheint es stets so, als ob der eine vom anderen kopiert. Ich bin keine Journalist, aber immerhin Linguist und deswegen ebenso sehr empfindlich bei falscher Wortwahl. Und derer gibt es hier eine Menge.

Urban Myths

Den Anfang des Reigens macht Matthias Eberspächer, der immer wieder stilsicher qualitativ wertende Adjektive einstreut in seinen Text – eisiger Wind, reservierte Gesichter, überarbeitete Beamte, strenge Polizisten. Vor mir entsteht die Version eines düsteren Film Noir, aber nein, dies ist nur der Flughafen. Man möchte Matthias sagen, dass Mystifizierung aber eben gar nicht hilft. Der Wind ist eisig, weil es Winter ist, die Gesichter sind auch an der deutschen Grenze nie besonders einladend. Was soll dieser Blödsinn also? Befremdung ob des neuen Ortes, der unbekannten Sprache und Schrift lassen sich anders ausdrücken. Wer nur kommt um gleich zu meckern, sollte lieber zuhause bleiben.Im weiteren Teil seiner Reportage benutzt er Wörter wie „abfertigen“ für den Massenbetrieb in der Moskauer U-Bahn. Jeder der dieses Ungetüm benutzen muss, weiß auch, dies ist kein Spaß, jedoch, was bleibt übrig? Die Metro ist schnell und billig, die Massenabfertigung ist ein Problem der Stadtplanung. Wer sich in eine Stadt mit offiziell 15 Millionen Einwohnern begibt, sollte sich darauf gefasst machen, dass es manchmal eng werden kann. Sehr eng. Und? Dies ist ein ewiges Manko von Städten und Metropolen, wenig Platz für viele Menschen. Warum sollte das in Moskau alles anders sein? Des Weiteren wundert sich Eberspächer über die Metrostationen im Stile der Stalinbauten, also russischer Jugendstil. Man darf zugeben, dass es durchaus seltsam klingt, sich am „Revolutionsplatz“ oder der „Komsomolzen-Station“ zu verabreden; die Mosaike und Gemälde, sowie Skulpturen sind aber eher ein beinahe schon ironisches Relikt. Nimmt dies noch irgendjemand ernst? Ich glaube kaum dass auch nur ein Moskauer an diesen Werken täglich vorbeirauscht und ihnen gar einen Blick in der knapp bemessenen Zeit widmet. Es sind eher immer die Touristen, die im Pulk der Massen stehen bleiben und jeden Stalinschnauzbart und jedes Pionierhemd ablichten. Vielleicht ist die Ignoranz der Moskauer die einzige wertneutrale Methode, mit diesen Artefakten, die tatsächlich schon Geschichte sind, umzugehen. Eberspächer stattdessen unterstellt den Moskauern eine befürwortende Haltung gegenüber den unterirdischen Exponaten und Bildern, als ob sie etwas tatsächlich effektives dagegen machen könnten; eine Art impliziter Vorwurf, die Bildpropaganda nicht abzuschaffen und damit automatisch der Demokratie den Einzug zu bereiten. Schwachsinn.Im Weiteren beschreibt der Jungjournalist seine Begegnung in einer Wechselstube. Wieder greift er auf sprachliche Klischees zurück, die suggerieren, ein Geldwechsel in Moskau wäre ein Abenteuer für ganz harte Kerle. Tatsächlich ist hier nur die Dummheit des Autoren anzumerken, sich auf Nachtgeschäfte einzulassen – tagsüber, wie er selber anmerkt, ist dieses Unterfangen eine langweilige und vollkommen unspannende Prozedur, zudem gibt es auch völlig unaufgeregte Bankautomaten in der ganzen Stadt, für die man in neonbelichtete Gebäude treten darf – es zeigt sich einmal mehr die Suggestion von Wahrheit, dort wo es sich nur um subjektive Erfahrung handelt, die nicht für die Allgemeinheit stehen können. Eberspächer will sich als abenteuerlichen Kerl darstellen, der nachts in Moskau auf einem „schäbigen Flur“ Geld wechselt und den „düsteren Blick“ eines russischen Geldwechslers auf sich nimmt. In Wirklichkeit zeigt sich, dass er einen banalen Vorgang auf die Stufe eines Ereignisses hebt und somit dessen Bedeutung vollkommen übersteigert. Man wird dies noch öfters in seinem Bericht anmerken müssen.

Beobachtungen eines Sohnes aus gutem Hause

Wie verabredet übernimmt Gabriel Rausch nun den sprachlichen Staffelstab seines Vorgängers, wie auf Kommando schießen wieder Worte wie „bitterkalt“ (nochmals, es ist Winter!!) aus den Fingern in die Tastatur, da wird von Geschäften geredet wo „Schuhe und Taschen mehr als 4000 Euro kosten“. Dies ist wieder mal ein angestrengter Beitrag zur Unterstreichung des Einkommensgefälles in Russland bzw. Moskau – wir merken, aha, Widersprüche. Wie schön jedoch, dass es in der BRD so etwas nicht gibt, da alle einen Einheitslohn verdienen, nicht? Wie schön auch, dass es in der BRD keine Geschäfte gibt, in denen Schuhe und Taschen für 4000 Euro verkauft werden. Ach ja? Es scheint deutlich zu werden, dass die Gruppe dieser Möchtegern-Journalisten eher aus behüteten, kleinstädterischen Verhältnissen kommt, in die große weite Welt geschleudert wurde und nun nicht fassen kann, dass es, ja, tatsächlich, Waren in solchen Preisklassen gibt. Zudem wird auch hier, wie später noch viel öfters, vergessen, den Vergleich mit dem Eigenen rückkoppelnd zu vollziehen – wer schon die eigenen Maßstäbe anlegt, sollte auch zurückdenken und sich vergewissern, was denn nun wirklich anders ist. Und hier ist dies: nichts. Denn z.B. Berlin hat Flaniermeilen wie den Kürfürstendamm, wo sich exklusivste Boutiquen aneinander reihen und die bettelnden Akkordeonkinder davor stehen. Nur leider, wie so oft, interessiert das zuhause keinen. Erst in der Fremde scheint man für das Elend anderer sensibilisiert zu werden.Damit geht es dann auch nahtlos bei Rausch weiter: „bettelnder Junge“, „jammernde Babuschkas“ im ach so krassen Kontrast mit den obigen 4000-Euro-Luxusgütern. Kühl muss man hier eben hinzufügen: na und? Armut ist leider staatenlos. Wer schreibt über all die armen Mütterchen, die auch in Deutschland in ihren Wohnungen und Heimen dahinvegetieren und deren Sichtbarkeit einfach nur verhindert wird durch das Pflege- und Betreuungsnetz? Über die täglich bettelnden Kinder und Obdachlosen in Berlin, die mit großen Augen oder versunken neben verführerisch duftenden Imbissbuden stundenlang sitzen? Die Penner, die nachts im Park in Friedrichshain verschämt auf den Bänken schlafen, dann, wenn die Wohlstandskinder betrunken von ihren Partys heimtorkeln? Sind dies keine Kontraste? Gerade mit Berlin als Vergleichsmuster muss man zugeben: auch hier ist Armut offener, man muss sie nur sehen wollen. Und warum sollte man sie nicht sehen, aber dafür in einem anderen Land, dass man weder besonders lange besucht noch dessen Sprache man ausreichend mächtig ist um persönlich nachzufragen? Bedauerlich, in welche stilistischen Flachwasser sich diese selbsternannten Journalisten begeben, geblendet durch ihre aufklärerische Mission, die geprägt ist von den Werten der deutschen Mittelschicht.

Rausch bearbeitet die böse Welt Moskau weiter, beschwert sich über zu hohe Preise in Supermärkten (wo kauft er ein?) und fast schon wehmütig schildert er den Abriss eines Schnellimbissrestaurants, dass seiner Vermutung nach nur ein paar geldgierigen Investoren weichen musste. Problematisch ist hier nicht nur die ausgesprochenen Interpretationsfreude des Jungautors, sondern auch sein Verkennen gegenüber dem was wirklich wichtig ist. Zudem hat Rausch keinen Vergleich für „teuer“ – teurer als was? Es scheint nicht, als ob er viel gesehen hätte, es fehlt ihm die Gelassenheit des Reisenden, Dinge auch einfach mal so hinzunehmen, wie sie sind. Verwunderlich ist diese Haltung immer wieder, denn wozu fährt man weg, wenn man sich nicht auf das Andere, auf das Neue einlassen kann? Wozu über Preise meckern, über Abrisse von Imbissbuden (!), all dies geschieht doch auch täglich vor der eigenen Haustür. Nur dort ist die Distanz nie ausreichend um weit genug sehen zu können, wie brüchig die Zustände auch hier sind.

In diesem Fahrwasser führt Rausch den Leser dann zu den unsagbaren Zuständen an der Moskauer Universität: Schmiergelder, Tricks, Betrug und Gaunerei! Das deutsche Wertebewusstsein meldet sich rotschillernd wie ein ethischer Erstickungsanfall zu Wort. So was! Darf! Nicht! Wieder ist der fremde Blick nicht der, der auch das Eigene einkalkuliert. Wieder einmal begibt sich der Autor auf verbales Glatteis, Erhebt eine, Betonung, eine Information über Schmiergeld an den Unis zur Allgemeinwahrheit. Wer ist hier eigentlich manipulierend? Rausch scheint sich nicht bewusst zu sein, dass er in seiner Narration den Leser führt und beeinflusst. Dass er wertet, dass er berichtet, aber dies nicht ohne subjektive Einmischung schafft. Dies ist armselig. Zudem lässt er nicht Dinge auf sich wirken und reflektiert sich selber dabei – nein, er übernimmt ungefragt den Werte- und Sprachkanon seiner vielen Vorgänger, die mit ähnlich flachbrüstigen Reportagen ein Babylon namens Moskau aus dem Ärmel schüttelten und damit einen Imageschaden ohne Gleichen anrichteten, der auf beiden Seiten nur zu noch mehr Missverständnissen, Vorurteilen und somit einem Nicht-Erkennen des Gegenübers führt. In diesem Punkt lässt Rausch den Leser unbefriedigt zurück – Schmiergeld, ja und? Es bräuchte einen eigenen Aufsatz nur um dieses Thema zu erschöpfen. Er belässt es bei einem Satz, der nicht mal einen Ansatz zu weiteren Informationen gibt. Nichts. Sprachliche Hüllen, die verzweifelt gefüllt werden wollen, die nicht überleben durch ihre ledigliche Nennung. Wie noch weiter zu sehen sein wird, belassen es die Reporter dabei, Dinge zu benennen, aber sie vermögen es in der Kürze der Reportage oder in ihrer Unreflektiertheit nicht, diese Schlagwörter, die soviel Gewicht gerade im Kontext russischer Berichterstattung haben, mit Gehalt anzureichern. Fast schon überflüssig an dieser Stelle erneut, beinahe schon ein müder Reflex, auf deutsche Verhältnisse hinzuweisen, wo Namen und Scheckbücher in gerade aussichts- und prestigereichen Fächern die Studienfachwahl beschleunigen, wo großzügige Spenden den eher mittelmäßigen Arztsohn vor der Exmatrikulation retten und Studiengebühren neuerdings den Wettbewerb um Bildung, Arbeit und zukünftige gesellschaftliche Anerkennung unter den Jugendlichen verschärft hat. Schmiergeld? Ja bitte, wo soll ich unterschrieben?

Realität? Wunderbar.

Eberspächer übernimmt nun wieder die Führung und auch sein bürgerlicher, finanziell abgepolsterter Wertekanon plustert ihn innerlich auf gegenüber dem Betreiber eines staatlichen russischen Fernsehsenders. Lakonisch zitiert er hier ohne großen Kommentar die Methoden der Berichterstattung – quasi die Selbstentlarvung der großen Medienmaschine Russlands, denn nicht zuletzt seit Orwell weiß man, wie wichtig jenes ist, was in den Köpfen hängen bleibt. Auch Eberspächer scheint so einen kleinen Orwell in sich auszubrüten, aber leider ist er wie all seine Kollegen nie sensibel genug, den Dreck vor der eigenen Türe zu beachten. Unzählige Beispiele gäbe es aufzuzählen für den deutschen Medienkonsum und –gebrauch, der Autor versucht mal wieder, die Bewohner der BRD darzustellen als moderate Konsumenten von Fernsehen und Computer. Wenn schon Fernsehen, dann doch bitte mit Niveau, und ja, wir wissen auch, wo der Aus-Knopf sich befindet. Tatsächlich…? Eberspächers Deutschland ist ein politisch aktives, medienkritisches. Es ist einfach nur traurig, diese Sichtweisen als schlichte, banale Sozialisation zu enttarnen. Es ist ermüdend, Altersgenossen die eigene verschränkte Sicht vorzuwerfen. Ihr westlicher, aufklärerischer Eifer fruchtet kaum real in Deutschland, noch interessiert sich ein russischer TV-Macher für diese Belange. Dieser hat nur „zwischen Tür und Angel“ Zeit für die jungen Besserwisser, die idealistisch und frisch von der Schulbank ihm ihre Utopien von Freiheit und dem Ende der Pressezensur mit dem moralischen Zeigefinger ins Auge bohren. Dem hat der besuchte Fernsehsender nur „Softnews nah am Leben“ entgegenzusetzen. Wie der Geschmack von hitzigen, erbitterten Debatten um Inhalte klingt das ja nicht – und dies ist auch in Deutschland eine äußerste, ins Nachtprogramm verbannte Seltenheit. Denn die bemängelten „Softnews“ überspülen auch mittlerweile den heimischen Markt, es wird immer schwieriger, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden. Auch das schmeckt nicht nach der Freiheit, die wir meinen. Dies schmeckt nach dauerrieselndem Infotainment und Vorabendserien, schmeckt nach RTL 2 und Klingeltonwerbung. Schmeckt nach Wiederholung, Vergröberung und Austauschbarkeit ohne bedeutsamen Wiedererkennungsfaktor. Eberspächer übersieht großzügig die Misere zuhause, aber sonst hätte er vielleicht noch wirklich interessante Fragen gestellt.

Von dort geht es sogleich weiter zum Thema Nummer eins, das den deutschen Berichterstattern immer wieder auf der faustischen Seele zu brennen scheint: objektive Berichterstattung (sic!) und Presse- sowie Meinungsfreiheit. Es wird über „couragierte Journalisten“ schwadroniert, gerade von jenen, die sich selbst nur in Begleitung eines Dolmetschers hinaus in die Stadt wagen, jene, denen ein nächtlicher Geldwechsel schon ein Ausmaß an Gefahr bedeutet, jene, die auch sonst ihr Leben eher im mentalen Schutzanzug verbringen. Die kritischen Stimmen in Russland werden mundtot gemacht oder finden gar nicht erst statt – so die ebenso ungehörten Jungstimmen aus der BRD, in der es sicherlich keinen Geheimdienst und Pressesperren gibt. Die BRD, Wunderland des oh so selektiven Medienkonsums, wo digitale Kanalsparten die Auswahl vergrößern, verbreitern, verwässern. Ein überinformierter Konsument ist ein schweigender Konsument. Abgelenkt durch den Auswahlprozess, ist die Wahl schon längst für ihn getroffen, er bedient nur noch die Empfangsgeräte. Aber so weit kann Eberspächer in der Kürze nicht gehen. Wozu auch? Schon viele Male zuvor hat er sich hier blamiert mit seiner unreflektierten, überkritischen Art. Er wirft Namen auf, Namen von Toten – die Frau mit P. wird genannt, sie ist nicht nur einfach eine ermordetet russische Journalistin, mit der sich der Autor subjektiv durch seine Schreibe identifiziert, nein, sie ist in ganz Europa mittlerweile ein Symbol, nur ist unklar, für was. Ihr unfreiwilliger Tod war ein Skandal, ein Aufschrei ging durch jene Nationen, die selber bräsig und passiv Worthülsen wie „Meinungsfreiheit“ vor sich herschieben, ohne den Wert dieser Güter wahrhaftig zu kennen, noch im Zweifelsfalle dafür einzustehen und sie gar zu verteidigen. Deutlich wird hier der Luxus der westlichen Nationen, mit Schutzbrille und Pinzette die Länder Mittel- und Osteuropas auseinanderzufleddern auf der Suche nach Unebenheiten, die sich zwangsläufig aus einem noch lange nicht abgeschlossenen Umbauprozess ergeben. Aus dieser Position lässt sich gerne mahnend und ernst über tote Journalisten und Zensur reden, ohne selber auch nur eine geringe Ahnung von erschwerten Arbeitsbedingungen und der dadurch immer wieder schmerzhaften Geburt der Minotaurusgestalt namens Wahrheit zu haben. Da es an dieser angeblich so sehr mangelt in Moskau, müssen die Augen des später interviewten Chefredakteurs selbstverständlich, laut Eberspächer, „glasig und leer“ sein, das Feuer des Kampfes ist erloschen, leider werden die stereotypen Fragen der deutschen Jugendreporter es auch nicht wieder anfachen. Stattdessen wird artig gemeldet, dass die „schikanierte Bevölkerung“ sich nicht traut, sich gegen „die Regierung zu erheben“. Im Kontakt mit Russen fragte ich mich selber auch oft, wo ist sie denn, die schikanierte Bevölkerung? Zugedröhnt durch intensiv einseitige Berichterstattung suchte ich bei meinem Aufenthalt in Moskau angestrengt nach jenen Opfern von Staat und Miliz, jenen zerstörten Existenzen und bemitleidenswerten Idealisten. Ich sah stattdessen Menschen, die morgens aufstehen, ihre Kinder versorgen, zur Arbeit gehen, Gespräche führen, einkaufen und am Sonntag auch mal das verdreckte Auto putzen. Unterdrückte Kämpfer waren unter ihnen keine, niemand lehnt sich für irgendwas oder irgendwen gefährlich aus dem Fenster. Bürgerliche Passivität mag man es nennen, aber nicht „schikanierte Bevölkerung“, deren Kritikfähigkeit sich mit dem Alkoholpegel steigert, wie in deutschen Kneipen, welch schöne Gemeinsamkeit übrigens. Und eben auch diese unkritische Mittelschicht geht nicht zu politischen aufgeladenen Begräbnissen toter Journalisten, die über Kriege schreiben, die in einer irrealen Halbwelt passieren. Denn da ist man auf Arbeit und muss den Lebensunterhalt erarbeiten, wie überall auf der Welt auch.

Wanted: Inhalte

Eberspächers abschließender Beitrag ist eine Blitzrevue des Leninmausoleums auf dem Roten Platz, eines der grotesken Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Tatsächlich hat er den Nerv, sich als Besucher dieser politisch aufgeladenen Grabstätte auch noch abfällig zu äußern – über Russland, über „die Russen“ (diese sowieso amorphe Nationalität) und das mit den billigsten sprachlichen Gegenüberstellungen von hell/dunkel, Leben/Tod als Ausdruck von Fragen nach der Zukunft des Landes, das „so sehr am Alten“ hängen muss. „Die Russen“ hängen jedoch wohl nicht viel mehr am Alten respektive an Lenin als hauptberufliche Ostdeutsche an Ampelmännchen, Vita-Cola und Nudossi hängen. Gerade das andauernde Experiment BRD + DDR = BRD müsste doch verdeutlichen, wie sehr auch weniger repressive Systeme des ehemaligen Ostblocks mit Integration und Identitätsstiftung zu kämpfen haben, dort, wo, psychologisch katastrophal, konstruierte Wirklichkeiten über Nacht zusammenbrechen und Ersatz nicht in Sicht ist – bis heute nicht. Leere Stellen, von denen es viele zu geben scheint, werden gefüllt mit Nostalgie und Wehmut, die Erinnerungen, auch wenn sie aus der Zeit der Diktatur stammen, sind doch die einzigen die man hat. Und so prangert der angehende Journalist wieder einmal vollkommen leer die Zustände an, die er selber nicht durchdringt, deren kratzige Oberfläche jedoch an seinem flauschigen Fell scheuert und dadurch einen Reiz auslöst. Die einzige Reaktion ist Kritik, die sich im Kreise dreht, da Eberspächer sogar den Mythos Lenin mitunterstützt – durch seinen fleißigen Besuchergang. Der geschulte Tourist lässt sich nichts entgehen, es kann berichten von den Schauerkammern in fremden Ländern, wo sie Wachspuppen toter Diktatoren aufbewahren. Fraglich, ob Eberspächer sich auch in die Verkaufsschlange für das Grab (gäbe es denn eines) von Hitler, Mussolini, Franco oder Pinochet einreihen würde – nur um zu gucken, wie sich die feinen Härchen im Nacken beim Anblick der einbalsamierten roten, braunen, irgendwas Gefahr aufstellen. C’mon feel the terror. Und dann, puh, wieder hinaus ins Licht, schnell vergessen, wie es sich vielleicht anfühlt, mehr als 70 Jahre Diktatur zu erleben und den Verstand zu verlieren, der vielleicht etwas an den Zuständen hätte ändern können.

Widersprüche…sind was Du draus machst!

Letzte Reporterin in dieser Serie von peinlichen Schülerzeitungsergüssen ist Sabrina Tichy, wahrscheinlich die Quotenfrau. Eine schöne, naive Feststellung zu Beginn ihrer Beobachtungen: „Wir werden den Eindruck nicht los, dass in Russland die Zeit des Kommunismus noch nicht komplett aufgearbeitet wurde“. Ach was. Tichy wird wohl zum Zeitpunkt dieser kongenialen Analyse selber kaum älter gewesen sein als die Wende in Russland. Zudem scheint sie auch nur mehr oder weniger aus dem Schulbuch zu wissen, was „Kommunismus“ ist. Aber schön, dass er jetzt vorbei ist. Oder doch nicht. Nun ja, wir wissen es eigentlich nicht so genau. Tichy schreibt weiter über ihre Befremdung beim Anblick einer kleinen prokommunistischen Demonstration auf dem Roten Platz. Dass die alten Männer und Frauen sie irritieren. Die Autorin ist wohl noch nie den promarxistischen Parteien, sowie der PDS in Deutschland begegnet, leider sind es dort oft junge, aktive und nicht notwendigerweise dumme Menschen, die einem steinhart den Sozialismus als einzig wirklich funktionierende Alternative anbieten. Auch sie laufen einem verirrt mit ihren roten Fahnen und Flugzetteln entgegen auf der Strasse, lassen in Gesprächen nicht locker, bis man sich ihrem verbalen Angriff ergibt oder sich davonschleicht. Der dümmliche Kommentar zum Kommunismus kann daher nur von jemandem kommen, der weder Ahnung hat, wovon er tatsächlich spricht noch die Probleme durch den Wegfall einer Ideologie und auch die Demontage einer Utopie (der sich Tichy sicher selbst unter einem anderen Markenzeichen als „Kommunismus“ sofort anschließen würde) annähernd umreißen kann. Weiter geht es mit den üblichen hohlen Anklagen, Schlagwörter wie „Größenwahn“ und „Polizeiangst“ fallen, nun gut, in diesem Punkt mag sie Recht haben. Nicht minder beginnt aber auch im letzten Teil erneut der berichtende Größenwahnsinn der Reportergruppe, die sich nicht entscheiden kann (wohl eher eine rhetorische Figur als tatsächlicher Zweifel), was sie von dieser Stadt, diesem Land halten soll. Wenn man eine Aussage treffen kann nach einem Besuch in Moskau, dann ist es eine über diese Stadt, die wie ein Krebsgeschwür wächst und sich in ihrer Größe schon längst nicht mehr am menschlich Möglichen orientiert. Aber man kann keine Aussage über Russland treffen, Moskau ist ein Planet für sich – ebenso würde eine Sabrina Tichy empfindlich protestieren, wenn sie mit Bayern in einen Topf geschmissen würde. Dennoch entgeht der Leser im Fazit nur knapp einem textbuchartigen Stabreim: „Kapitalismus, Korruption, zentralistische Strukturen, Oligarchen und bettelnde Kinder“. Es bricht einem das Herz, natürlich, wie bei fast allen Berichterstattungen über Moskau, in denen noch mal kräftig auf die teutonische Tränendrüse gedrückt wird. Von den Erfolgen bei der Stabilisierung der Zivilgesellschaft, vom russischen Alltag zwischen Hochhäusern und Teezeremonie, vom Wirtschaftserfolg unter einmal nicht halbillegalen Vorzeichen erfährt man selten etwas. Skandale und Probleme bestimmen das Image Russlands, abgeleitet wie eine falsche Mathematikformel von der irrealen Blaupause namens Moskau – das Ergebnis entfernt sich mit jedem Abschreiber weiter von dem, was schon auf den ersten Blick falsch verstanden wurde. Somit reiht sich auch dieser jugendliche und damit wohl automatisch als „frisch und aufgeschlossen“ vermarktete Beitrag ein in die Sammlung langweiliger und unintelligenter Berichterstattungen über Russlands Hauptstadt, die sich nie ganz erschließen lässt, schon allein durch ihre Größe. Sprachliche und inhaltliche Klischees, die nur auf ihre Bestätigung durch die eher unkritischen jungen Beobachter warteten, werden dem Leser unter die Nase gerieben als Essenz eines Kurzurlaubs auf Spesen. Schön, wenn man dann noch die eigene Welt hinter sich lassen kann und die geputzte Nase tief in die so furchtbar offensichtlichen Probleme eines anderen stecken kann. Texte wie dieser verdienen keine Auszeichnung von etablierten Nachrichtenmagazinen, sondern ein müdes Zucken mit den Augenbrauen derer, die sich halbwegs ernsthaft mit Russland auseinandersetzen wollen – und die Betonung liegt auf wollen. Um den Bogen zum Anfang zu schlagen, Widersprüche sind ja auch so eine feine Sache, die sich ja nie ganz klären lassen, im Falle unserer jungen Nachwuchsjournalisten ist es denn auch so, dass man sicher ebenso die Mühe scheut, ein Knäuel wie Russland auch nur mit der Kneifzange anzufassen, es ist die privilegierte Stellung jener, die sich nicht um jeden Preis einmischen müssen, wenn es nicht um ihre eigenen Interessen geht. Die im Bericht heraufbeschworenen „Widersprüche“ sind alle wohlbekannt, es sind dieselben seit über 10 Jahren, vielleicht gibt es sie zu kaufen in einem Sammelalbum, wer weiß? Diese Jugendlichen jedenfalls sehen auch nicht weiter als bis zum Ende des Tellerrandes, da danach das große Fragen beginnt, das Fragen nämlich nach den eigenen Positionen, den eigenen Werten und Vorannahmen mit denen man andere konfrontiert und provoziert. Wer sich aber nie mit diesen Werten auseinandergesetzt hat, und sie auch nicht kritisch hinterfragt und ihre Gültigkeit streng überprüft, wird geistiges Unterpotential wie eben jene laudierte Reportage abliefern. Einstweilen warten wir auf das Ende einseitiger Berichterstattung, das Aussterben der sprachlichen Hülsen und überhaupt: das alles besser wird.

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4 Antworten to “„Moskau – Stadt der Widersprüche (?)“”

  1. WeißteBescheid... Says:

    „Ich bin keine Journalist…“
    Irgendwie merkt man´s….!

  2. nikakoi Says:

    wtf?
    bissi konstruktiver wär doch schön, ne?

  3. anyway Says:

    die Jungs hams echt drauf, ich kenn ihre Schülerzeitung …also ein bisschen mehr Respekt, du mit deim armseeligen Geblogge da!

  4. Dasnot Mätter Says:

    ach herrlich die alten Blogger-Wichtigtuer, warum schreibst du nicht selbst über Moskau?? Deine Kritik ist wirklich lächerlich.. ich hab den Artikel gelesen, der ist super Interessant und wahrheitsgetreu.. Dein Gelaber hingegen ist einfach nur armselig, aber lustig wie du dich da reinsteigern kannst…

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