wir würden es arbeit nennen.

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Ich kenne niemanden, der es nicht kennt: die Suche nach Arbeit.Kaum aus dem Avalon der Schule entlassen, fällt man bei falscher, hüstel, Karriereplanung schon unten durchs Raster in die Bewerbungshallen der Agentur für Arbeit. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, mit wenig oder keinem Geld zu überleben; Abhängigkeiten sind vorprogrammiert, Abhängigkeiten, die klarmachen, dass man selber nicht weiterkommt.Man strandet in dieser finanziellen Lage schnell in Frustration über das Glück anderer: reiche Eltern, spendable Grosseltern oder ein fetter BAföG-Bescheid. Es wird also höchste Zeit, sich auf die Suche nach einem Job zu begeben.

Dabei gestaltet sich diese Suche je nach Profil mehr oder weniger schwierig. Für mich ist sie eher: schwierig. Trotz Bildung wird deutlich, dass man natürlich ohne Fachkenntnisse oder Versiertheit kaum Chancen auf eine längerfristige Anstellung jenseits des Minijob-Sektors hat. Die Ironie des Lebens schlägt einem nasse Handtücher um die Ohren was Vereinbarkeit von Studium und Lebensunterhalterwerb betrifft.

Fast schon zynisch muten da Jobbörsen wie die gehypte Connecticum in Berlin dagegen an. Gratisbroschüren geben nicht nur Tipps zur richtigen Kleiderwahl und der Gestaltung der CV-Mappe; nein auch einen Check-up wurde beigelegt, der Vor- und Nachbereitung und den Stierkampf namens Kontaktaufbau selber behandelt. Man liest da über „angemessene Kleidung, in der sich der Bewerber aber auch wohl und sicher fühlt“, vom „Einkalkulieren von Anfahrtszeiten“, und natürlich das obligatorische Lächeln und Augenkontakthalten, ohne das man wohl schon in der Rekrutierungsevolution als niederer Organismus durchgeht.

Für alle ohne „ansprechendes Äußeres“ und manikürten Lebenslauf heißt es jedoch solange: Gehalt nach Vereinbarung, endlose Telefonanrufe, eventuell Treffen mit privaten Arbeitgebern in Außenbezirken an heißen Tagen, an denen einem die Kehle fast am Magen klebt, aber Mineralwasser nicht angeboten wird. Es sind die kleinen Jobs, Putzen, Kellnern, Kinderbetreuung und Nachhilfe. Selten versprechen sie das, was sie fordern, „Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit“; viel eher geht es um mäkelnde gelangweilte Hausfrauen, die gerade so von ihrem Taschengeld den Mindestlohn, meist schwarz, abdrücken.

Wir nennen es Arbeit, andere Ausbeutung. Aber was will man machen? Auch das gute alte Blutspenden kommt ohne nennenswerte Qualifikationen im Lebenslauf wieder auf den Tisch. Zwar ist dies der studentische Klassiker, jedoch wird damit schon die Kommerzialisierung des eigenen Körpers eingeleitet. Ich, die Ware. Dass z.B. Blutspenden sicherlich auch einen karitativen Zweck hat, tröstet dabei wenig. Denn es geht um das Prinzip Überleben, und um die große Kluft zwischen denen, die das Glück eines Jobs haben, und jenen, die auf Inbound –Rückrufe warten.

Somit hängt man in der finanziellen Warteschleife, das Leben gestaltet sich als zuckersüße Kakophonie des Akkumulierens von Geld. Bildung sollte die Potentiale einer Generation fördern, sollte als Chance verstanden werden – Selbstständigkeit in Ehren, aber alleine schafft man es nicht immer. Unbezahlte Praktika sind kaum ein Anreiz für Fortbildung, wenn die Finanzen beißend im Nacken sitzen und nicht lockerlassen; die Akquirierung von Wissen geht nur noch über Verwertbarkeit von Inhalten, traurig ist das nicht unbedingt, eher effektiv. Dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack, das Gefühl der Unbeschwertheit ist abhanden gekommen. Eine pragmatische Generation, die eisern im Blick behält, was für die Zukunft verwertbar ist, eine unterversorgte Generation, die mit dem Hintern an die Wand kommen muss. Wer sich nicht bei den bewährten Gebern finanzielle abhängig machen will, macht es bei anderen; am Ende des Monats wartet nur die Dispoausgleichung. Umsonst ist nichts mehr, höchstens vergebens.

Gerne würde ich in einem weißen Polohemd und mit rosa Pulli leger um die Schultern drapiert in meinen jugendlichen Adidas-Sneakers über die Connecticum schlendern, aber vermutlich werde ich dann Fenster putzen für 5,50 Euro. Schön wäre es, sich nach den vielen Gesprächen an den Messeständen einen Kaffee zu gönnen, wenn man sich ihn leisten könnte. Besonders hilfreich auch die Angabe, man solle Sätze über sich und seine Tätigkeiten schon vorher einstudieren – so gelangt man schneller ans Ziel sagen die Profis. Es scheint mir aber, ich sei nichts, denn meine Taschen sind trotz Arbeit und staatlicher Förderung leer und der Weg zum bescheidenen Erfolg ist noch weit.

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