ich will keine knarre – ich will dich rennen sehen …

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Deutschland 2007: In die Diskussionen um die Belange von Jugendlichen in der BRD mischt sich immer wieder Besorgnis um zunehmende Verrohung, Kontrollverlust und Kommunikationsprobleme zwischen den Generationen. Es ist die Rede von unzureichend integrierten Schülern in urbanen „Problembezirken“, Gewalt auf offener Straße, Verlust von Werten, Anhängerschaft in diskriminierenden Gruppen (z.B. Neonazis), Desorientierung, Zerfalls- und Zerstörungsprozesse, Chaos – die Liste ist beliebig lang. Fast jedem fällt ein stereotypes, medial verbreitetes Gesicht zu diesen Schlagworten ein – es ist jung, aggressiv und: männlich.

Mädchenkulturen sind hingegen ein weißer Fleck. Sie erscheinen medial höchstens in Extrem- oder Minderheitsformen, z.B. gewaltbereite Mädchen, aber auch Migrantenkulturen. Spricht man über oben genannte Punkte, spricht man vornehmlich über Jungs und junge Männer; Mädchen und junge Frauen stehen am Rande der Diskussion um Jugendliche, da sie scheinbar weniger auffällig, weniger problematisch und damit automatisch weniger beachtenswert scheinen.Doch auch unter Mädchen gibt es ausgeprägte, tief greifende Beziehungen, Hierarchien, Verhaltensmuster, Gruppierungen, weit ab von jenen sichtbaren Formen, die es ins öffentliche Bewusstsein schaffen. Erinnerungen an die eigene Jugend und Sozialisation als Mädchen rufen deutliche Bilder dieser Beziehungen und Strukturen hervor, jedoch ohne sie mit festgelegten Begriffen benennen zu können – dies liegt eindeutig auch an der Nichtbeachtung der weiblichen Jugendkulturen seitens der Forschung. Sollten denn einmal Mädchen erforscht worden sein, so beschränkte sich das Interesse auf genannte Ausnahmefälle, wie z.B. Migrantinnen oder, welcher Kontrast, auch weibliche Skinheads. Das durchschnittliche Mädchen „von nebenan“ schafft es weder in Statistik noch Fachliteratur, ihre Lebenswelt ist so scheinbar klar umrissen und doch vollkommen unbekannt. Mädchen bleiben außen vor, ihnen werden, vergleichbar mit Frauen, kaum Räume zugestanden – Treffpunkte sind das eigene Zuhause oder geschlossene Räume, so genannte Mädchenprojekte oder Arbeitsgemeinschaften, die versuchen, mit pädagogischer Arbeit Mädchen in ihrer „Besonderheit“ (die problematisch zu betrachten ist) zu unterstützen – kritisches Fazit ist jedoch, dass Mädchen nicht nur herausgehoben werden aus der Gesellschaft, sondern auch, abgeschottet von Jungen nur untereinander positive Sozialbeziehungen aufbauen können. Die vermeintliche Unterstützung (ja, regelrechter Schutz) verläuft in Ausschluss bzw. Abkapselung von der Jungenwelt, die jedoch weiterhin als Vorlage für einen halbwegs emanzipierte Sozialisation dient (kaum ein Mädchenklub unterstützt dagegen „klassische weibliche Tugenden“ wie Kochen, Nähen/Sticken oder gar Tanzstunden – diese gelten, allzu offen gezeigt, als retardiert). Dennoch geht die Rede weiter von den „Jugendlichen“, die im Grunde jedoch als Synonym für die männliche Hälfte dieser Gruppe steht. Mädchen sind trotz angestrengter Bemühungen, vom Selbstverteidigungstraining bis zum von der Bundesregierung ausgelobten „Girls’ Day“, immer noch eine mysteriöse Akkumulation weiblicher Individuen, eine amorphe Masse, deren einziger gemeinsamer Nenner ihre geschlechtliche Zuordnung ist. Weitere Interessenten an weiblichen Jugendlichen schienen bisher nur Werbung und Konsumindustrie – Kampagnen und Produkte, passgenau zugeschnitten auf die hier seltsamerweise so offen vorliegenden Bedürfnisse von Mädchen und auch den Frauen (und damit hoffentlich gut verdienenden Konsumentinnen) von morgen. Doch die Wirklichkeit ist, dass angebotene Produkte keine einheitliche Reaktion erzielen, es wird gejubelt, abgelehnt und zitiert. Diese verblüffende, unerforschte Heterogenität liegt u.a. daran, dass Mädchen selten eigene, klar weiblich dominierte Gruppierungen ausbilden; viel eher verschwinden sie in den mannigfaltigen und männlich geprägten Jugendkulturen, dort genießen sie je nach den Gruppenregeln mehr oder weniger Ansehen, es gibt jedoch kaum eine Gruppe, in denen den weiblichen Mitgliedern nicht eine bestimmte Rolle zugeschrieben wird. Mädchen trifft zudem stets der Vergleich mit der Jungenwelt, und für jegliche Anerkennung muss ein Mädchen sich mit den Maßstäben der Jungenwelt messen lassen (Jungen würden jedoch nie mit weiblichen Maßstäben gemessen werden – z.B. eine Äußerung in einer Grundschule „Du schreibst die Buchstaben so schön wie ein Mädchen“ wäre peinlich für einen Jungen; im Gegensatz dazu kann ein Mädchen „raufen“, „Fußball spielen“ oder „anpacken“ wie ein Junge und es wird ihm positiv ausgelegt.). Dies ist so in den Freizeitkulturen, aber genauso verdeckt findet es in Bildung und Forschung statt: Schülerinnen werden gelobt, weil sie „besser als die Jungen waren“ in einer Arbeit, sie werden bei Beratungsgesprächen (aufrichtig) ermuntert, „klassische Männerberufe“ auszuüben, da sie (implizit geäußert) mit „klassischen Frauenberufen“ wiederum kein Ansehen in der Gesellschaft gewinnen – usw. Auch die Phrase von der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ ist solch ein Beispiel: Die Debatte um dieses Problem kann nur in einer maskulin dominierten Gesellschaft entstehen und ausgetragen werden, wo Frauen sich physisch und mental einem männlichen Arbeitspensum und -rhythmus anzupassen haben, Familienplanung eben damit auch aus dem Rahmen fällt als Ausnahme und somit mit Sanktionierung und/oder Ausschluss (von der Arbeitswelt) „bestraft“ wird. Welche Bilder herrschen also von Mädchen vor? Wenn Jugend ein Selbstfindungs- und Individualisierungsprozess darstellt, in dem vor allem durch Abgrenzung (vom Vorhergehenden, vom „Anderen“) Identität generiert wird, zu wem oder was grenzen sich Mädchen eigentlich ab? Die Strukturen und Codes der Mädchen, was für Signale senden sie aus und welches Echo bekommen Mädchen zurückvermittelt? Wie wird dieses Echo verarbeitet, wenn man davon ausgeht, dass vor allem junge Mädchen noch kein solides, theoretisches feministisches Grundwissen besitzen? Gibt es überhaupt ein großes, homogenes Subjekt namens „die Mädchen“? Und inwieweit gilt auch heute noch der Satz „Frau ist man nicht, zur Frau wird man gemacht“ von Simone de Beauvoir? Hat dieser Satz heute etwas von seiner Negativität, seiner impliziten Resignation vor männlicher gesellschaftlicher Dominanz verloren? Sind die jungen Frauen von morgen nicht auch jeglichen Kampfes (oder überhaupt primäres Interesse) um ihre Rechte müde, schon deshalb, weil sie in ihrer Jugend, ihren „Mädchenjahren“ nicht schon längst vor Augen geführt bekamen, welche strengen Regeln sie einzuhalten haben, um es auf dem Arbeitsmarkt und im Privatleben als „Frau“ (dieses ebenso diffuse Subjekt) zu schaffen? Rächt sich die gesellschaftliche Ignoranz und im Namen von Schutz und Selbststärkung betriebene Selektion von der Jungenwelt nicht auch in z.B. infantilen Konsumschlagern wie u.a. die Marke „Hello Kitty!“ und Pucca, überhaupt auch der ständigen zwanghaften „Verniedlichung“ und Infantilisierung erwachsener Frauen durch Mode (enge/ kleine Größen, Bauchnabelfreiheit, Babydolls, usw.) ohne dass diese jedoch die Einschränkungen, die junge Mädchen permanent im- und explizit erfahren, reflektieren (Frauen sowie Modeschöpfer)?

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