ich + meine muschi

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Auf der Suche nach originären Mädchen Jugend- und Subkulturen stolperte ich u.a. über eine filmische Doku-Perle namens „Prinzessinnenbad“, namentlich angelehnt an das „Prinzenbad“ in Berlin-Kreuzberg.
3 Jahre werden drei junge Freundinnen am Rande der Proletisierung beim Erwachsen-Werden begleitet, der Film ist eine Hommage an weibliche Selbstfindung in Zeiten ohne jegliche Verbindlichkeit und Auflösung alles Bisherigen. Es wird herzhaft gerotzt, geraucht, geflucht, gesoffen, gehurt in dem Film. Fröhliche Zugeständnisse, dass Frauen auch nur Menschen sind. Vielleicht kann man ja endlich den Müll vergraben, die biederen Trotzköpfe, die ebenso ätzenden Fußball spielenden Jungamazonen mit kessem Spruch auf der bebend-sinnlichen Lippe und am Ende doch wegen ’nem Ollen rumheulen, nee danke. Pragmatischer Feminismus ist vielleicht auch in Kreuzberg angekommen, ganz ohne theoretische Keule, sondern mit dem richtigen Eyeliner, einem knallbunten Stringtanga und der sanftesten Damenrasur aller Zeiten.


Natürlich darf man nicht die Narration und schon gar nicht die Kamera vergessen. All das ist auch Inszenierung, Spiel mit den wohlvertrauten Medien der Trivialkultur. Weißte Bescheid, Schätzelein. Nicht, dass jeder Satz aus dem Mund der Mädchen wohl überlegt wäre, x-mal abgelutscht auf Aussagekraft. Nö. Die wissen dafür, wie Knalleffekte gehen, Schnellsprech, verbale rosa Kaugummiblasen so groß wie Kinderköpfe, die sie gekonnt und sicher platzen lassen: „Tanutscha, bist erst fuffzehn!“

Genau das verstört ältere Zuschauer, teilweise auch das männliche Publikum. Girl action group. Dieser extrem verkürzte, komprimierte Ausschnitt aus dem Leben gegenwärtig heranwachsender Frauen ist jedoch vielleicht die Antwort auf viele Fragen, die sich u.a. die besorgte Bundesregierung angesichts der zunehmenden, ähem, Verrohung Jugendlicher stellt.
Was man sieht, sind keine Mädchen. Jugend spielt schon keine Rolle mehr, gerne wird über „früher“ erzählt, kurze Lebensabschnitte vergehen intensiver, schneller und doch bereits biographisch reflektiert. Jedes der drei Mädchen geht einem Job nach, gelegentlich, aber dennoch so selbstverständlich wie Zähneputzen. Jede von ihnen trägt Verantwortung, lebt in instabilen gewollten oder ungewollten Beziehungen, die ausgiebig reflektiert werden, ganz nach dem Vorbild amerikanischer Fernsehserien. Alle drei sehen ihrer Zukunft nüchtern entgegen, es gibt keine Utopien mehr, Bildung ist EINE Möglichkeit zur kapitalistischen Vermarktung („Entweder werde ich Lehrerin oder Pornostar.“).
Man sieht: Erwachsene Frauen, Körper und Haltungen, die ihrer gesellschaftlichen Stellung weit voraus sind, die sich in diesem Kontext vollkommen albernen Verboten und Regulierungen von Seiten des Staates und der Eltern ausgesetzt sehen und diese natürlich zu brechen wissen. Da hört man von den regelmäßigen Alkohol- und gelegentlichen Drogeneskapaden der 14, 15-jährigen Mädchen; Eltern und Pädagogen sind entsetzt, ratlos. Die „Kinder“ sehen es jedoch als ihr gutes Recht, sich etwas Erholung vom Alltag zu gönnen, der Tretmühle zwischen Schule und dem heimischen Kleinkrieg um ein wenig mehr Autonomie, ganz wie es hundert andere „offiziell Erwachsene“ bei einem Glas Wein oder Bier jeden Tag nach Feierabend tun. Lässt man ihr Alter außer Acht, erscheint nichts plausibler, nichts legitimer.
Die Kontrolle, die die drei über ihre Leben haben ist beachtlich. Die nach außen gekehrte Aggression ist naturgegebene Reaktion auf den kontinuierlichen Disrespekt von Eltern und Pädagogen, die, deutlich zweifelnd an den hergebrachten Konzepten, trotzdem an ihnen festhalten mangels Alternative. Dies sind keine Kinder. Dies sind bereits längst Erwachsene, die das Gesetz an ihre Elternhäuser bindet, geschürte Abhängigkeit und Schulpflicht, irrsinnige Regulierungen zum „Schutz“ jener, die nicht beschützt werden wollen, die ihr Leben längst in der eigenen Hand haben und immer wieder darum zerren und kämpfen müssen, mit allen, die ihnen für diesen Bereich die nötige Zurechnungsfähigkeit absprechen.
Dies sind keine Mädchen. Das sind Frauen. Sie verdienen ihr eigenes Geld, erziehen die Kinder aus den gescheiterten Beziehungen ihrer Eltern, führen einen Haushalt in Koexistenz mit ihren Erzeugern, sind sich ihrer Sexualität vollkommen bewusst und wissen diese einzusetzen, steuern und lenken ihre Zukunft ohne Wimpernzucken, halten die Fäden, aus denen sich ihr Leben stricken lässt, fest in der geballten Faust. Die einzige Verpflichtung ist: Leben. Was soll da bitte Schule, diese Durchreicheanstalt auf den Arbeitsmarkt?

Und doch sind es Mädchen. Sie besitzen einen Schatten der Reife, die sie für ein wirklich autonomes Leben bräuchten, sind immer noch stark auf all das fixiert, was ihren bereits erwachsenen Alltag behindert – musste Schule, musste Eltern, musste musste. Sie spielen noch zu sehr erwachsenen, ohne zu wissen, dass sie es sind. Erstreben, dass man ihnen aus der Hand frisst, merken nicht, wie es alle tun und scheitern. Tumbe Lover, die da zur Untermauerung der eigenen egomanischen Macht an Land gezogen werden aus den Fettwolken der Kreuzberger Dönerbuden, großkotziges Männergeschwätz das sich in der kindischen Bewunderung zur Unendlichkeit aufblasen läßt. Wimpernzange und Push-up BH als Spielzeuge der vaterlos Aufgewachsenen.

Die Zeiten der Unschuld sind endgültig vorbei, wenn es diese fiktive Unschuld, vor allem die weibliche, jemals gab. Frauen und Mädchen kacken nun mal keine Rosenblätter, um es auf eine populäre Formel zu verkürzen. Protektionismus ist hier einfach fehl am Platz. Mach du deine Opfertheorie, meanwhile my pussy and I make dreams happen.

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Eine Antwort to “ich + meine muschi”

  1. nikakoi Says:

    http://www.prinzessinnenbad.de

    trailer, wunderschön.

    ab 31. 05. im kino.

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