ecce homo (was besseres fiel mir nicht ein)

by

Unsere tägliche Kulturdosis bei „Kulturzeit“ (3Sat) brachte heuer einen Beitrag über homosexuelle Fußballer_innen, im Überbau, homosexuelle Personen des öffentlichen Lebens allgemein, hervor – und das ganz Wowereit-frei!
Kulturzeit hat es sich in letzter Zeit, oder vielleicht auch schon immer (meine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne), zur Aufgabe gemacht, den, ähem, westlichen Werte- und Kulturkanon mit teilweise unsäglich artikulierten Moderator_innen in dezent despotischer Weise und immer ästhetisch unterlegt durchzuboxen.
Heute also Homos, muss ja auch mal wieder. Tenor: Böse immer noch-Unterdrücker-Gesellschaft (streiten wir nicht ab), böses Machodenken im Fußball (ok, genehmigt), Ignoranz und gesellschaftliche Exklusion (hm…). Alles lieb und süß gemeint, wie immer – nimm die Schwuchtel an die Hand und führ sie über die Strasse des Lebens. Grundsätzliches Problem ist nur, dass sich aktuelle queere (um schon mal einen zeitgenössisches Adjektiv zu benutzen) (Untergrund)Kultur nur sehr schwer mit dem Betroffenheitsdenken der 70er und 80er, ja frühen 90er Jahre beschreiben lässt. Untergrund? Hä? Ja! Es gibt sie, die Pluralität der Queerness, aber ob das die Redakteure bei Kulturzeit wissen? Dass nicht unbedingt alles in einen Topf gehört, so wie es, vergleichsweise auch nicht „die Frauen“ oder „die Männer“ gibt? Hm.
Störend auch die grundsätzliche immer noch gerne gehypte Binarität von Sexualität: hier die Homos, da die Heteros. Die gesellschaftliche Duldung hat zwar eine Welt voll Möglichkeiten geschaffen, aber dennoch nicht verstanden, worum es geht. Mildernd muss man hinzufügen, dass diese Konzepte aber auch verdammt knapp und griffig sind, so dass ihr Diskurs auch weiterhin bestehen bleiben wird.
Bezüglich auf Kulturzeit wird da noch das große Mitleids-Thema Angst angesprochen: Angst vor unfreiwilligen Outings, v.a. in der öffentlichen Sphäre. Tatort Doppelleben. Patenrezept: mal wieder mehr tolerant und so sein. Mal wieder ein schönes Straßenfestival mit Kuchenverkauf veranstalten, lustige Regenbogen-Flaggen schwenken, auf der Bühne singt ein Schwuletti in Glitzeroutfit einen Song von ABBA. Tolle Plakate mit „ …*wasauchimmerfüreinesexuelleorientierung*… NA UND?“, dicke Frauen mit Kurzhaarschnitt, Hunde, Fahrradfahrer. Da muss man sich einfach schämen. Genau so wie die Aktivisten von gay shame, ein Konzept, dass die tolle Kulturzeit-Clique (bestimmt mit einem Quotenhomo) nicht im Traum in ihrer Diskurs-Seifenblase vorstellen würde. Statt die Vereinnahmung durch einen sowieso pseudotoleranten Mainstream (der selber zersplittert ist) mitzumachen und sich mit heterosexuellen (wie gesagt, Binarität ist so bequem!) Bildern von Homosexualität anzufreunden (und sie durchaus auch unbewusst ausfüllend), wird mehr Wert auf das Originäre, Eigene gelegt. Der kleine Unterschied. Ein queeres Bewusstsein jenseits von Kampfansage und Tränendrüse, das nicht um die Heteroanerkennung ringt und sich somit weder im Gegensatz oder im Dialog befindet, der Versuch einer eigenständigen Legitimation. Keine Manifeste von Stärke, sondern von der eigenen Schwäche – ausgelegt als Stärke gegen allzu dominante, erdrückende Images einer lediglich tangierenden Öffentlichkeit, die Notiz nimmt und  – „solange es Spaß macht“ –  partizipiert, deren Normen aber man wieder und wieder nicht erfüllen kann.
Vielleicht täte Kulturzeit und Kollegen mal die Erkenntnis gut, dass es nicht immer einen Konsens gibt und Autonomie sich nicht in einen 7 Minuten Beitrag zusammenstauchen lässt für das Bewusstsein von Vorabendsendungszuschauern. Statt der paar Minuten generöser heteronormativer Aufmerksamkeit, wie wäre es demnächst mit einem Beitrag über positive Diskriminierung? Also…Attribute von vermeintlich positiven Stereotypen, angefangen von den ewigen Klassikern, dass homosexuelle Männer immer hetero Frauen verstehen. Dass die ewige Leier von der Gleichstellung oberflächlich gesehen Toleranz atmet, jedoch im Grunde eine Anpassung des queeren Volks an Heteronormen ist (wieso wird z.B. keine etwaige Alternative zur Ehe in Betracht gezogen)? Naja. Bis einige der aktuellen queeren Diskurse die Öffentlichkeit erreichen, muss man sich peinliche Berichte angucken, die mit Waschraum-Ästhetik und unreflektierten Unterdrückungstheorien operieren. Gähn.

http://www.3sat.de/kulturzeit/

p.s: und ja, der titel ist furchtbar.  

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: