ein gigantischer eierkuchen schwebte um 20:47 uhr über ostberlin

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Ja wirklich! Der Eierkuchen, nicht unbedingt extraterrestisch, aber schwebte über den Köpfen der Leute am Halleschen Tor, setzte dann zum Landeflug an, senkte sich langsam tiefer in die Massen und bedeckte dann mit einem leisen „puif“ ihre Köpfe. Da blieb er liegen, der Eierkuchen. Er war noch mindestens handwarm und roch exotisch. Es ist Karneval der Kulturen in Berlin. Pünktlich dazu fängt es an zu regnen und zu hageln. Egal. Berliner Hobby-Integrationsspezialisten lassen sich nicht abhalten – dann wird halt barfuss getanzt. Der Durchschnittskarnevalist ist weiblich, geschieden, keine Kinder und tanzt in ihrer Plastikjacke von Jack Wolfskin ihre Menstruationsbeschwerden zu afrikanischen Trommelrhythmen weg. Dickbäuchige Weißbrote sabbern lateinamerikanischen Schönheiten hinterher oder tanzen ungelenken Salsa. Mal endlich die deutsche Sau, äh, rauslassen. Leitkultur? Leistenkultur! Groove is in the heart und in meinem bunten Getränk aus Guatemala. Jetzt können Sie mit Integration loslegen – alle meine Migrantionshintergründe. Ich sehe eine Inderin (ich sag das mal so pauschal ohne es zu wissen) ein fette Bratwurst mit Senf essen. Jawoll. Die muss den Test nicht mehr machen. Auf der anderen Seite schmeißt sich die deutsche Realität auf alles was bei drei die Panflöte nicht versteckt hat. In echt: die Präsenz von Fußgängerzonengruppen hatte sich hier quadrupelt. Es gab sogar Schamanentanz, aber auf Playback. Supi. Es wurden fleißig mit dem Teuro Traumfänger in babyblau gekauft, Sorgenpüppchen, fetttriefendes aus der türkischen Garküche, Lederarmbänder und Fairtrade Kaffee. Yeah. Mit jedem Kasten Bier retten wir den Regenwald. Mit jeder Bionade darf eine Schnecke in Hinterbutzingen weiter über die Strasse kriechen. Alle dürfen mitmachen. Jeder trägt sein Distinktionsmerkmal mit sich rum, vorwiegend auf T-Shirts. Das liest sich dann: Istanbul, CCCP, Hertha Berlin. Ich habe auch das Gefühl, hier tanzen sich die G8-Gegner warm. Verträumtes Mädchen in einer Bandage aus multikoloren Schals und Tüchern, barfuss natürlich, wie sie den schüchternen langhaarigen Bub mit der Ziegenfelltrommel und dem dazu passen Ziegen(sic!)bärtchen anlächelt. Wenn die Sonne untergeht wird in den Büschen Liebe gemacht und gepinkelt. Pflicht ist übrigens auch das tragen von Jonglierutensilien, Gott weiß warum. Keule. Althippies trinken billiges Bier und wollen ficken. Sonst sind sie friedlich und zucken manchmal mit dem Oberschenkelhals. Äh, und nein, ich werde nicht mit dir mitgehen. Nein, auch wenn dein Visum in vier Tagen ausläuft, is nich. Interessant übrigens, mitten zwischen türkischem Techno und obligatorischem Trommelgewummse, ein kleiner weißer fahrender Schankbetrieb, der laut Karnevalslieder aus Köln spielt. Da bleibe ich stehen. Da sitzen sie, in ihrem engen rosa Tops und flirten über ein Kölsch mit dem Jochen. Fleischmassen quellen an den Extremitäten hervor, es scheint sie nicht zu stören… Goldschmuck hat sich über Tag in die weiß-rote Haut gebrannt. Später wird Gabi aber doch mit Ugumlane aus dem Senegal abhauen. Und Jochen? Der hat sein Kölsch. Der Eierkuchen kühlt langsam aus. An den Rändern hängt er schlaff runter. Drunter wuseln die Leute. Ein hispanisch aussehender Typ geht an mir vorbei, auch er mit Distinktions-T-Shirt-Ansage: „Schöne Frauen. Weltfrieden“. Ach ja, und dings.

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