Archive for Mai 2007

letzter schrei

Mai 10, 2007

Ab heute ist es offiziell: ich habe ein Stalkerin. Na gut, vielleicht ist das Wort ein Modeding und übertrieben. Aber wie bezeichnet man die Geister, die man nicht rief, die aber trotzdem nicht gehen wollen?
Früher hätte man gesagt, jemand ist eine Nervensäge, eine Plage. Heute ist es dann gleich stalken. Ich bin für diesen Begriff. Personen, deren Nähe und/oder Kommentare man weder braucht noch schätzt, sind auf die lange Sicht keine Banalität.
Angefangen hatte es mit eigener Unsicherheit und einem falschen Gutmenschentum, das ja keinen ausschließen will, egal aus welchem plausiblen Grund. Höflichkeitsfloskeln werden dann zu Sympathiebekundungen umgedeutet, Pflichttreffen in Freundschaftsbesuche interpretiert. Und das ist erst der Anfang. Nach dem ersten beiläufigen Geplänkel ist man dann: Freunde. Oder so. Aber mich hat niemand gefragt.
Was folgt sind Überlebens- und Abgrenzungsstrategien. Es hilft nur pure Ignoranz gegen das ständige Näherrücken, das ständige Angelaber, die Kommentare, die niemand braucht, die Person, die niemand will. Die Erkenntnis, dass jemand diese Sache krankhaft betreibt, zeigt sich, wenn alle Abblockungsversuche fehlschlagen und die Show weitergeht – mit mir als Marionette.
Ich frage mich, was in meiner Stalkerin vor sich geht. Sie ist auf jeden fall unglaublich einsam, verzweifelt auf der Suche nach ein bisschen Anerkennung, ein bisschen Gesellschaft und Austausch. Warum all ich dies sein soll, verstehe ich nicht, da uns nichts Persönliches verbindet – soweit ich weiß. Sie ist die klassische hässliche Ente, pummelig, etwas streng riechend, fettige platte Haare, keiner guckt sie jemals an mit sehenden Augen, niemand sagt ihr mal was Freundliches, niemand fragt ob es ihr gut geht. Und ich gehöre zu den oberflächlichen Arschlöchern, die diesen Leuten das leben zusätzlich schwer machen. Aber warum niemand dieser Person gezeigt hat, wie man es macht, wie man Leute gewinnt und sie nicht abschreckt – ich weiß es nicht. Warum sie die unterschwelligen Signale dieser komplexen Gesellschaft nicht versteht, warum sie nicht versteht was NEIN heißt und wo die Grenzen sind.
Wenn es so weitergeht, das Nachstellen um die wenigen Blocks, wenn sie mir nach hause folgt, mich „überrascht“ irgendwo, meine Freunde ausspioniert, mich vollabert auf der Strasse und und und…wenn das alles  passiert, werde ich ihr sagen: warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe?

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wow, i mean, wow

Mai 3, 2007

http://www.leuphana.de/

bitte stellen Sie meine Moral nicht in Frage

Mai 2, 2007

Erzähl mir was Neues: Arte-Gucker und zugelaufene SPONner mögen keine Ungarn

Wortsinn

Mai 2, 2007

Plakatwerbung wohin man sieht. Es sind so viele, dass die einzelne Werbebotschaft in der Masse untergeht, aufgeht, und sich ein Gesamtkonzept herausbildet. Ein lauter Schrei aus abertausend Plakatkehlen: KAUFEN! Doch es gibt auch ausnahmen: Heute treffe ich an der Ampel auf die Gesellschafter.de und sie packen mich mit einer völlig offenen Frage: „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“ Doch bevor ich anfangen kann, darüber nachzudenken, geben sie die Antwort selbst, in einem kleinen, rotumrandeten Kästchen: „Unabhängig. Nichtkommerziell.“ Irgendwie glaube ich, da was falsch verstanden zu haben.
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So auch bei dieser Schlagzeile, die einen neuen Höhepunkt beim Segelereignis des Jahres besingt: „United Internet Team Germany bezwingt China erneut.“ Müsste es nicht „Internet Team United Germany“ heißen? Das Internet-Team Vereintes Deutschland. Klingt schön. Segeln die jetzt online?
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Vereint sind jetzt auch Israel und die Türkei. Zumindest im Geiste. In beiden Ländern setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass das Militär die Demokratie auf Dauer nicht ersetzen kann. Sehr langsam.
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Dass man aber Stendhals „Rot und Schwarz“ nicht durch Popcornkino ersetzen kann, dürfte wohl klar sein. Auch wenn es in der aktuellen Filmkritik von Spiderman 3 auf sueddeutsche.de heute heißt: „Rot und Schwarz ist die Farbenlehre von „Spider-Man 3“, für zwei Stunden ist Peter Parker ein neuer Julien Sorel, ein Emporkömmling, dessen Edelmut jederzeit in Ressentiment gegen die Geliebte umschlagen kann.“ Man kanns auch übertreiben.

kreuzberg, bleib sauber!

Mai 2, 2007

nee, ich bin echt kein steineschmeißer. ich verlasse das haus nie ohne personalausweis und kleingeld, lasse mein handy auch nachts an – für alle fälle – und zeige dem kontrolleur der BVG immer artig mein in plastik eingeschlagenes semesterticket, plus, ungefragt, der ebenda ausweis.

nee, ich mag auch gar keine steine. steine sind zum drauf laufen da, zum kicken, zum die zehen drin rumgruschteln.

ich habe auch eigentlich keine passende kleidung. ein paar kapuzenpullis, aber aus ästhetischen gründen. der schal kam von einer netten jungen dame, es war recht frisch in dieser schönen mainacht. eine tasche gegurtet – natürlich nur mit den dem ausweis drin.

 nee, und ich will ja auch gar keinen ärger. bloß keinen ärger! ich wollte nur mal gucken und so. uch, da ist ja tolle musik, und hm, bier ganz schön teuer, aber egal, man ist ja nur einmal jung und wohnt sonst nicht in kreuzberg.

nee, heute abend ist katastrophentourismus, kommt ja auch wieder nix im fernsehen.

wenn man also am 1. mai nachts in kreuzberg rumschlumbert in seiner juvenilen sorglosigkeit, ein kühles becks in der pfote und sich gerade über die nachricht, eine bühne sei abgebrannt, mit der kollegin totlacht (wie kann denn sowas gehen! tse! bühnen sind doch nicht zum brennen da!), die kapuze gerade tiefer ins gesicht zieht, wenn man also da so rumstreunt, dann sollte man eigentlich wissen wie so ein abend endet.

das endet dann schnell mit einer kleinen meute , die dich mal eben schnell umrempeln und bevor du dich mockierst, kommen auch schon, zitat, „die bullen, alter, ey!“ hinterhergerannt in voller montur. der letzte schluck sprudelt wieder aus der nase, hopp hopp, bloß weg. aber irgendwie: auch arschkarte.

denn dann steht man da an der straßenkreuzung oranien/mariannenstraße und tja! pech! man kommt weder vor noch zurück. klettert dann halt, weil es eh nicht weitergeht, auf eine verkehrsinsel mit fliederbusch (weiß, duftig), steht in einer mischung aus schlamm und pisse und stolpert ständig über bierflaschen. haha, irgendwie ganz lustig, so mitten drin zu sein, haha, guck mal, die kamerateams steigen auf die stromkästen, haha, setz mal die kapuze auf, damit es nicht so weh tut wenn du einen flasche abkriegst. im hintergrund dröhnt knackiger hiphop, der das spektakel allzu freiwillig anheizt, erinnert so ein bißchen an eine szene aus „from dusk til dawn“, als die vampire erledigt werden und die dämonische band im hintergrund weiterrockt bevor irgendwie alles außer kontrolle gerät.

nur: irgendwie gerät alles außer kontrolle. warum stehen wir plötzlich an die häuserwand gedrückt? ach ja, weil man die leute auf der verkehrsinsel zerstreut hat. taktik. meine charmante begleitung hat seit einer halben stunde angefangen, ihre hände in meine oberarme zu bohren und mich als kleinen menschlichen schutzschild zu benutzen. dann: „du, mein herz klopft total schnell!“ – „na ich hoffe, daß ist jetzt keine liebeserkläru…“

peng, ratzefatz haben wir die scheiße in der fresse. wie auch immer das zeug heißt, es läßt dich wie verrückt husten und einige fangen an zu kotzen. die augen jucken und brennen. ja warum stehen wir auch eigentlich hier. wir sollten zuhause sein, joghurtgums naschen und germany’s next top model gucken. weiter an die wand gedrückt von vorbeiziehenden polizeitrupps, machen wir dann doch pläne, den ort des geschehens zu verlassen – ist nix für uns. wir sind eigentlich keine steineschmeißer. nee, eigentlich nicht.

nach vielleicht einer weiteren viertelstunde rumstehen tut sich dann auch was auf in der menge, wir schlüpfen durch die kurzzeitig in schach gehaltene masse und was sind wir für coole säue!

katastrophentouristen! helden von der teppichkante! sesselrevoluzzer!

und mist, ich habe nicht mal meinen ausweis verloren.