die revolution ist ein ponyhof

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Erster Juni, BRD, Europa, Erde, Universum, hintere Milchstrasse gleich links: noch eine Woche bis zum Beginn des G8-Gipfels. Alle Augen richten sich auf ein kleines, ehemals mondän ausgerichtetes Kaff in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich für diesen Planeten nicht ganz so unwichtige Menschen zusammenfinden werden.

Die mediale Berichterstattung, ob TV, Print oder Internet erinnert in ihrer Aufgeregtheit an ein kleines Kind in der Nacht vorm Geburtstag – juchhu, endlich trouble in town. Warten, dass es endlich wieder Bambule in Deutschland gibt (hatten ja auch schon lange keinen Krieg oder halbwegs vernünftig ausgeführten Volksaufstand mehr, ne?). Vor lauter Sonderberichterstattungshintergrundinfoaufklärungskampagnenmaterialschlacht weiß ich auch selber nicht mehr, wo man dieses Haarsieb namens G8 – Lovers wie Haters und die irgendwo zwischendrin – aufdröseln soll. Mein instinktiver Impuls will erstmal immer laute Schreigeräusche angesichts der unterirdischen Kommentare so genannter Globalisationsgegner (oder heißt es Globalisierungsgegner?) von sich geben, wenn das nicht alles so furchtbar verzwickt wäre mit der primären Richtigkeit jeglichen Protestanliegens gegenüber einer Veranstaltung wie dieser Konferenz und ihren Teilnehmern.

Vielleicht ist dies der Beginn einer kleinen Miniserie zum G8 (kann mir eigentlich mal jemand sagen, woher diese Abkürzung kommt?), denn ich vermisse einen gewissen Blickwinkel und spezifische kritische Fragepunkte im Medienautoscooter zu dieser Thematik.


Heutiges Anliegen: die Teilnehmer.
Spiegel.de hat gerade frisch ein Dokument durchgepresst, in dem es direkt um einige exemplarische „typische“ Vertreter des Protestcamps geht. Die politisch-ideologische Streuung reicht da von christlich bis marxistisch, sieh einer an (Waren die sich nicht mal spinnefeind? Ich frag ja nur.). Reflexartig möchte man allen eigentlich einen Schnurrbart und kleine Teufelshörnchen ins Gesicht malen, weil man mit einem einigermaßen geschulten Blick erkennt, was für Nasen das da sind, die einem selber, der man passiv und träge am Bildschirm hockt, ihre regendurchnässte Camper-Moralität vor die Füße werfen: protestierst du schon oder lebst du noch? Hm.
Die üblichen Verdächtigen sind unter dreißig, na oder fühlen sich auch mit 44 noch wie dreißig, machen einen frischen engagierten Eindruck zu Themen, die mir persönlich immer Banane wie Pflaume waren. Bin ich deswegen desinteressiert? Oder schiebe ich nur andere Wirklichkeitserlebnisse? Vor allem lieben die Akteure ihre Rolle als Protestler, sie sagen später: man was war ich so was von dabei. Es geht ihnen sicherlich AUCH um die Inhalte ihrer Kritik, aber warum fällt es mir so unsagbar schwer, ihre Argumente tatsächlich zu hören und letzten Endes – das ist meiner Auffassung nach der Sinn einer besseren Welt – sie konstruktiv zu diskutieren und gar umzusetzen?? Nein, ich will nicht Teil eurer Jugendbewegung sein.
Und ja: attac, Protestcamp und Sympathisanten sind vor allem an jungen Anhängerschaften ausgerichtet. Diese werden auch den Grossteil der zeltenden Zaungäste stellen. Ich hätte nicht ungern Lust jetzt alle möglichen Klischees aus dem Hut zu zaubern, von Bionade-Trinkern (hat jemand mal die neueste Plakatwerbung aufmerksam gelesen?) zu badelatschenden Hippies und christlichen Ökos. Wäre ja auch sicher lustig, aber ich möchte fast verzweifelt wissen: Mama, warum fehlt mir das Protest-Gen?
Ich würde auch gerne blockieren, randalieren, konsumieren. Es geht hier oft um eine konsumierbare Form des Protests, das weiß man auch nicht erst seit dem Potpourri an „Revolutionen“ und der Neuordnung von Machtverhältnissen in Mittel- und Osteuropa seit Dezember 2004. Gestern war Yoga und New Age, heute ist Sitzblockadentraining und Sprechchor. Der urbane Neoindividualist sucht den Urschlamm, reibt sich am Mitindividuum, zusammen in einer Horde, einem Rudel, Zeltstadt, konsumierbarer Archaik auf hohem administrativen Niveau (ich zählte 50 Dixie-Klos bei einem Interview im Hintergrund). Und stellt euch vor, ihr müsstet mehr als zwei Jahre in Zelten unter denselben Bedingungen hausen – wie diejenigen Leuten, für die ihr dort vermutlich aufrichtig, aber irgendwie trotzdem moralinsauer eure Stimme, ähem, erhebt. Irgendwann sind die Dosenravioli alle und es würde kalt werden auf Bauer Hempels Feld; ihr würdet krank und nervlich angeschlagen. Gebieten wir dieser Utopie aber hier Einhalt.
Sprechen wir in diesem Sinne für diesen Teil abschließend von Bildern: neulich hörte ich jemandem zu, der mir erklärte, dass der postmoderne Mensch, vor allem wenn er jung ist und noch identitätssuchend um den Block schnüffelt, beinahe suchthaft durch die neuen Medien Bilder von sich selber generieren wolle (Blogger inklusive), da sie neben einem Spiegel und Kommentaren von Mitmenschen eine Reflexion ohne gleichen erlauben. Vielleicht geht es hier um Bilder, um Zuschreibung in einer Welt, in der alles möglich geworden ist – außer der avalonischen Gerechtigkeit von der die Demonstrationsgegner singen. Vermutlich sind sich nicht alle Teilnehmer dessen bewusst, möglicherweise aber ihre Alphatiere/Koordinatoren – natürlich kann das kritische Rudel nichts bewirken, die Exekutive der BRD bindet ihnen zu sehr die Hände und militanten Schmutz möchte schon allein wegen des Images niemand auf sich – offiziell – nehmen. Die Administratoren sind sich jedoch darüber im Klaren, welche Macht Bilder in einer augenhungrigen Welt haben, dass ideeliche Inhalte im semantischen Getöse des Sichtbaren untergehen können und bewusst auch sollen. Im Bild ist Darstellung, entweder als „wir“ oder als „ich“ oder als „die da“, aber zur Projektion bedarf es erstmal einer Ur-Abbildung und Betrachtung von außen. Strategisches optisches Management. Inhalte: später. Lass erstmal Bionade kaufen – das „offizielle Getränk für eine bessere Welt.“

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4 Antworten to “die revolution ist ein ponyhof”

  1. pavel Says:

    Das mit Bionade ist ja wirklich wahr. Ach Gottchen.

  2. Stas Says:

    Postmoderne Konsum Doppelmoral

    Nicht müde von der endlosen Reproduktion? Bald tropft ja schon Saliva aus dem Mund

  3. pavel Says:

    speichel – das offizielle getränk für eine bessere welt

  4. nikakoi Says:

    jetzt auch mit minz- und eierlikörgeschmack.

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