wo die blumen blüh’n

by

So, genug hormongesteuertes literarisches Rumgesmuuze.
Fakten Fakten Fakten.

Wie? G8 schon vorbei? Noch nicht mal die Finger knacken lassen überm Board und schon ist die angekündigte Miniserie ins Wasser (oder Wasserwerfer?) gefallen. Hier also der Nachschlag zum Vorschlag.

Ein mir bekannter junger Mann im selben Alter wurde neulich von mir erblickt, wie er erschöpft, müde, aber vor allem sehr gut gebräunt aus dem Chaos-Camp wiederkehrte. Ich begrüßte ihn, den frisch getauften Neomarxisten, mit den Worten: „Na, heute schon gekämpft?“ Ob seiner Müdigkeit, vermute ich, entsprang eine raunziger, subtil aggressiver Knurrlaut in meine Richtung.
Ein paar Tage zuvor nämlich, wieder betraf es jungen eben genannten Mann, hatten wir uns beim Kochen von Möhreneintopf (bodenständig: ich) und dem vierten Glas Bacardi-Cola (paradox-kapitalistisch: er) gestritten, wer hier eine neoliberale, unpolitische Sau sei. Da ich mein Essen nicht verkochen lassen wollte, zog ich den Kürzeren und bin jetzt halt eine neoliberale Sau. Basta.
Der G8-Gipfel hat mich deswegen wohl auch nur peripher gestreift, will sagen, erschien in meinem Wahrnehmungshorizont irgendwo links unten, gleich neben „Mama anrufen“ und „Mantel reinigen lassen“.  Erst im Nachhinein, als der ganze Zirkus schon mit seinen feuer- und wasserspuckenden Dompteuren vom Feld gezogen war, kamen die bunten Fähnlein und Kampfansagen und Protestmärsche in mein Bewusstsein. Ah, da war doch was: Ostsee, Strand, Sicherheitszone. Menschen, teilweise wichtige, gingen nach Quallen tauchen und machten Strandkorbsitzen populär (Vladimir in Schwimmflügeln…hm…George mit Sand im Schuh…).

Wie gesagt, ich hatte es mir mit meinem neomarxistischen Bekannten verscherzt durch meine Anti-Anti-Gipfel-Haltung. Dass kann ja wohl nicht sein, du musst doch eine politische Meinung haben?! Äh ja, schon, aber die lasse ich nur raus, wenn’s dunkel wird.
Für viele der Agitatoren (um ein mit der DDR untergegangenes Substantiv zu beleben) der Proteste ging es meiner Sicht nach doch nur um eines: zelten, marschieren (können die Deutschen irgendwie immer gut), zusammen aus einem trog Essen fassen und sich abends den Sonnenbrand eincremen. Ab und zu sicherlich auch Sex im Sperrgebiet. Demonstrationen wie die gegen die Konferenz in Heiligendamm verdeutlichen ja immer auch auf so fast schmerzhafte Weise, wie sehr Menschen sich im Alltag egal sind, sie sehen sich nicht und erst im Massenevent finden sie wieder sozialen Frieden unter ihresgleichen, na, der Määäääääääänsch bleibt (eben) Mänsch, wie das Grönemeyer und Bono in Rostock formulierten. Wo sind die ganzen Gegner jetzt eigentlich? Haben sie wieder ihre Buttons abgemacht, die Jesus-bzw. Trekkinglatschen ausgezogen und marschieren nur noch müde über Institutsgänge? Lässt sich Erfolg, also in diesem Sinne das Durchdringen der Unzufriedenheit zu denen, die die symbolische und politische Macht besitzen über viele Entscheidungen, überhaupt messen? Wohin verpufft die ganze Energie der fleißig geübten Sitzblockaden wohl ernährter und gut informierter Wohlstandskinder? Ich gestehe einigen ein tatsächliches Anliegen zu, eine Bereitschaft zur Veränderung, die mit dem Protest nur eine Plattform des Ausdrucks sah. Der Rest? Ein Raunzen über die „voll pottige“ vegane Verpflegung (O-Ton mein Bekannter) und den muffeligen Geruch im Gemeinschaftszelt.
G8, das Event deines Sommers. Wir waren so dabei, haben so geschwitzt und so Durst gehabt. Bekanntschaften geschlossen mit schwedischen autonomen Anarchisten, hey kommt doch mal rüber auf ein Bier, wir grillen nachher noch Tofu. Der Mensch, der junge, hordet sich gerne, ist nicht gerne alleine – all you need is the korrekte Grundeinstellung. Endet aber meist in besoffenem polemischem Geschwätz (s.o.), das generös übersieht, dass Dialog da anfängt, wo man den anderen auch mal zu Wort kommen lässt. Du hast eine eigene Meinung? Prima! Sie ist nicht so wie meine? Leider muss ich dich jetzt eine neoliberale Sau nennen, dein Auto zerkratzen und in deinen Garten pissen.


Gerne wäre ich unsichtbar irgendwie durch die Zeltstadt gewandert, hätte mir Gesprächsfetzen notiert und die allgemeine Stimmung konstatiert. Ich wäre gespannt gewesen, was am Ende des Tages für den Durchschnittsgegner dabei rauskommt. Wer sind die? frage ich mich immer noch, obwohl mein Bild klar zu sein schien. Die neuen 68er, die aber ideologisch schon so vergreist sind bevor sie ihrem inneren Joschka Fischer zur fünften Ehe und Billigung des Kosovoeinsatzes gratulieren? Hm. In der Tat erinnerte mich v.a. der schwarze Block (intuitiv dachte ich dabei an Mekka – Tagesschau, pass uff!) an einige der Demonstrationen in den späten 60ern, deutscher Herbst. Tja – und heute? Che Guevara auf meinem T-Shirt, mittlerweile auch auf Erfrischungsgetränken und Tabakbeuteln. Friedensbewegt eiert die Welt gemächlich auf den Abgrund zu. Protest und Aktion als Sonderecke im Kaufhaus Weltanschauung, Vorlieben in einer luftleeren Gummizelle erworben, wo man als naiver Ideologiekonsument hin-und herrummst, bis man sich eben irgendwas zusammengesucht hat, das halbwegs passt, ob das Schulhofanarchisten in Limbach-Oberfrohna oder Neonazis in Greifswald sind – vollkommen Banane. Deine Weltanschauung kauf ich mir für einsfuffzich, na, wird nicht reichen, Che-T-Shirt oder Lonsdale-Pulli kosten doch mehr. You’re my heart, you’re my soul. Und ja, mein T-Shirt trägt eine Botschaft.
Anarchie? Sagt da jemand Anarchie? Ich bin prinzipiell auf der Seite der Leute, die sich nicht „im Rahmen der Institutionen“ bewegen. Gewalt als Agitationsmittel war ja unglaublich verpönt, der Spruch „Keine Gewalt!“ geht übrigens auf die Demonstrationen in der DDR im Herbst 1989 zurück – ein Grossteil der minderjährigen Globalisationsgegner weiß das wohl auch nicht. Gewalt hieße für mich nicht Steine schmeißen oder Wehrlosen, Unbeteiligten Verletzungen zuzufügen – Gewalt bedeutet, der bestehenden Ordnung den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen. Wenn du demonstrieren gehst, pass bloß auf, dass du dich nicht schmutzig machst. Gewalt als Aktionsmittel, kreative Gewalt – wo sind all die Farbbeutelschmeißer und Nacktläufer? Wenn hier eh nur body politics gemacht werden, d.h. mein Körper ist eine Waffe, eine Blockade, ein Zeichen, die Konzentration eines Diskurses in atomaren Individuen, die sich als ganzes gegen „die Macht“ stemmen, dann können wir auch Gewalt ausüben. Aber letzten Endes sind das bloß Zeichen, semantisches Blitzlicht im Auge der Träger von Amtstiteln und staatlicher Legitimation. Wir flackern auf und sterben ab.
Sich „im Rahmen der Gesetze“ zu bewegen, heißt den Diskurs zu stützen, den man eigentlich weghaben will (dann kann ich mir auch gleich Monty-Schädel-mäßig eine Trainingsjacke mit „Shalom“ drauf anziehen und so Antisemitismus und Globalisationskritik in einem Aufwasch erledigen). Es geht nicht darum, kriminelle oder gefährliche Aktionen durchzuführen – es geht um die Befreiung des Denkens und Handelns von den eingeimpften Strategien zur Verteidigung des common sense. Wie kann es sein, dass in Zeiten relativer Stabilität ein Verteilungsungleichgewicht herrscht, bei dem sich Karl Marx die Barthaare einzeln ausgerupft hätte? Wieso sterben Menschen an banalen Krankheiten, wer ist die Ursache von jener Ungerechtigkeit, die eine halbwegs kritische Öffentlichkeit empört?
Wer? Wir. Es ist ja schon langsam durchgedrungen, wie Kaufentscheidungen Märkte und somit Volkswirtschaften beeinflussen. Buy me no logo, Mama. Aber die Probleme sind tief greifend, vielleicht haben teilweise allzu alltägliche Produktions- und Konsumvorgänge in Europa etwas mit Lebensmittelknappheit in Afrika zu tun (und nicht nur da)? Und welche Folgen hat der „weiche Imperialismus“ Amerikas und Europas auf lange Sicht – „Demokratie“, die sich nur noch mit dem Titel schmückt, ansonsten ein Konstrukt aus ökonomischer und kultureller Anpassung an ein weißes „Zivilisationsmodell“ ist? Lamentieren oder protestieren – ich entscheide mich für ersteres. Aber: verändern kannst du doch etwas – fange mit dir selber an. Möchte den großen John Lennon zitieren, der gegen etwas sein konnte, dabei die Mädchen zum Seufzen brachte und arschcool Brille trug: WAR IS OVER – IF YOU WANT IT. Dankeschön.

Advertisements

2 Antworten to “wo die blumen blüh’n”

  1. Stas Says:

    (Seufzt)

    Immer noch nicht gelernt, dass endlose
    Reproduktion langweilig ist. Informiere mich
    jemand, wenn die klinische Idiotie auch
    tatsächlich angefangen hat, ich nehme das hier
    aus dem Wizz raus.

  2. nikakoi Says:

    was seufzt du nur.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: