berlin is in germany

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Lieber Georg,

supi du, ich mach erstmal ne Flasche Bionade auf (Litschi) und locker die Zehen in meinen Zimtlatschen. Höre gerade Jay-Z, schönes altes Album, heißt „The Gift“. Naja egal, wa? Jay-Z singt gerade von prankstern – also kleinen Spackos. Weiß nicht du, ob sich da einer, vielleicht du, angesprochen fühlt. Kann ja sein, wa?
So Keule, ich schreib dir hier aus dem westlichen Teil deiner Geburtsstadt und kratz mir gerade das Kinn wegen deines Briefes und so. Hast ja mächtig dufte deinen Jungmannfrust bei der DDR-Webpage abgelassen – ich meine, darfste das überhaupt, hat das Komitee zugestimmt? Haha, nur Spaß, Keule, mach dich locker –  wa, DDR ist vorbei. Gäbe es sie aber noch hätteste den Arschleckorden ersten Ranges mit Schleife dran gekriegt.
Scheinst dich ja mächtig verloren zu fühlen trotz 22jährigem Selbstvertrauen bis unter die Schädeldecke. BRD, alles scheiße, du willst keine Milchschnitte, du willst Milchreis, du willst nicht Popstars mit D! sondern Pittiplatsch. Ergießt dich kurz über dein erwachtes Ex-DDR-Kind-Bewusstsein, Welt war damals noch in Ordnung, so wie bei all deinen Freunden, die „in einem typisch sozialistischen Elternhaus aufwuchsen.“ Weiß nicht was, typisch sozialistisch ist, für mich ist das am ehesten definiert durch kaltes Abendbrot und irgendwie absolut panne Klamotten, was ich aber auch erst auf Fotos festgestellt habe. Ansonsten sind meine Eltern, wie deine, wohl auch „typisch sozialistisch“, also eher bescheiden gebildet, wenig aufstiegsorientiert, häuslich und jeglichem Politischen gegenüber apathisch eingestellt. Passt ja schon mal – färbt aber nur in Fällen wie deinen ab, scheint mir.
Die Heimat war schön, sagst du. Deine Heimat war ein durch ausländische Streitkräfte besetztes Gebiet, Kumpel. Es gab auch Mittel, die Leute dazubehalten, auch wenn se nicht wirklich wollten – hieße ja, immer kaltes Abendbrot essen und blöde Klamotten anziehen. Und noch so vieles mehr. Weeßte ja, ne, Mauer und so, ach nee, der Schutzwall, pardon. Die Welt an sich war wohl supi als du mit deinen vielleicht 5 Jahren den Mauerfall erlebt hast (oder wirst wie ich geschlafen haben. Kinder sind gegenüber der Historie ja so scheiße ignorant.). Dass sich was verändert hat, haste am ehesten gemerkt als es im Kindergarten plötzlich Milchschnitte gab. Das muss man dem Kapitalismus lassen, er weiß wie er schon früh seine Opfer ködert.
So’n Opfer, Grischa, denkste, biste auch. Hast die Zeichen der Zeit erkannt, wa, immer weniger Leute machen deiner Erfahrung nach das Abitur (und ich dachte man kriegt das heute eh hinterher geschmissen), könne  sich nicht mehr für einen Beruf nach Lust&Laune entscheiden, verdienen wenig Geld, geraten, und für diesen Satz möchte ich dich drücken, „auf die schiefe Bahn oder schlimmeres.“ Und Rechtsradikalismus („Neonazis könnten sich durch jüdische Klezmermusik irritiert fühlen.“) und Hartz IV (aber nicht mit dir, Grischa!), der Staat kümmert sich nicht um 13jährige, die gesamten Gesellschaftsprobleme der BRD auf deinen kaum der Pubertät entwachsenen zarten Schultern und all das gab’s früher nicht – also dich oder diese Probleme?? Hast schon recht, Alter. „Man hat uns in eine Welt geworfen, die wir so nicht wollen!“ Nee echt nicht. Jetzt biste nämlich ausm Kindergarten lange raus, sogar aus der Schule und scheiße, wird eng im real existierenden Kapitalismus. Büschn rauh und so, manchmal kriegt man eine blutige Nase, und nicht nur von Neonazis die halt gerade nichts Besseres zu tun hatten oder ihre tägliche Dosis Sandmann in der Kindheit nicht fortsetzen konnten. Wir sind schon so richtig verlorene Kinder, du und icke, Grischa, steig mit mir auf den Zug ins Nimmerland, treffen uns auf ne Gulaschsuppe bei der Mitropa.


Dein Artikel heißt: uns hat niemand gefragt. Im konkreten Sinne: keiner hat DICH gefragt, ob du nicht vielleicht gerne in der DDR lebst, von den Soldaten, Volkspolizisten und Erich Honecker hörst. Keiner hat dich gefragt, ob du vielleicht Russisch als erste Fremdsprache willst, (kann dir sagen, Alter, is’n büschn schwerer als Englisch). Man hat dir über Nacht deine Kindheit weggenommen, alles was du wahrscheinlich wie ich behalten hast, sind dein Impfpass und deine Geburtsurkunde in schniekem sozialistischem Hammer und Sichel-Design, sowie ein Haufen schlecht geschossener Schwarzweißfotografien von der Ostsee, vom Alexanderplatz, Urlaub in Tschechien und du mit deiner Wasserpistole oder Toffifee ausm Westpaket. Einheitserinnerung an ein uniformes, bewaffnetes und stets zur Eskalation um jeden Preis bereiten Land. War schon super und die Brötchen haben nur 5 Pfennig gekostet.
Sagst noch zum Schluss, dass etliche, und ditte findste traurig, heute schon mit 25 richtig alt sind und so – naja, ist ja auch ne traurige Welt. Die real existierende sozialistische Alternative wäre aber auch nicht so prickelnd, weiß nicht, also: POS abgeschlossen, Abitur wegen gesundem sozialistischen Verhalten überhaupt erst machen dürfen, NVA-Dienst für die Jungs, simultane Gebärinitialisierung für alle geschlechtsreifen Mädchen (hatten immer einen Freund in der NVA, der dann so ein dünnes fransiges Oberlippenbärtchen hatte), erste Besäufnisse bei der Armee, danach heim zur Schnecke, die auf die Bewilligung für die P2-Wohnung im Wohnblock wartet, damit ihr nicht mehr bei ihren Eltern wohnen müsst. Wochenenden wieder Schnittchen, wie irgendwie immer in der DDR, DDR sind Graubrotschnittchen mit Blutwurst oder Teewurst, Besäufnis beim „Tanz in den Mai“ im Kulturhaus, Schlägerei, Zelle. Heim zur Alten, saufen weil der Job im Betongießwerk doch nicht so schnieke ist, saufen auf Arbeit, die Alte nervt, Kind nervt. Und du bist doch erst 25, sagt Mutti, schmeiß doch nicht alles hin fürs Saufen.
Schöner Schlamassel, schmeckt wie Milchreis mit Zucker und Zimt, ein im Übrigen verabscheuungswürdiges Essen für erwachsene Menschen. Also, Georg, ich guck noch mal aus meinem Fenster in Westberlin rüber zu dir, frage mich: wo ist der Osten überhaupt? Ist der heute immer noch in polen? Oder schon in Russland? Nee, selbst da gibt es einen „fernen Osten“, also … und wenn man von Japan aus guckt, ist sogar die USA im Osten.
Keiner hat dich gefragt, Georg, findste ungerecht. Versteh schon. Aber weißte was? Ich bin echt froh, dass man uns nicht gefragt hat, weil sonst das Leben noch immer nach Milchreis und kalter Blutwurst schmecken würde und man bei 1, 30 m Körpergröße wohl auch nicht begriffen hat, wie hoch die Mauer tatsächlich ist.
 

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3 Antworten to “berlin is in germany”

  1. pavel Says:

    Ich wette darauf, als Angehöriger der technischen Intelligenz mit Ingenieursabschluss hat man auch in der DDR Freßpakete vom Betrieb gekriegt. Insofern gab es ja schon Anreize zum gesellschaftlichen Aufstieg! Mehr Wurst!

  2. nikakoi Says:

    nicht vergessen: in der DDR gab es erst 1989 einen halbwegs fähigen computerchip, de rim vergleich zur restweltentwicklung lachhaft war. der georg hätte das gar nicht schreiben können unter diesen voraussetzungen, wenn wäre wäre wäre…is aber nicht. puh.
    und was das fressen betrifft: wofür sollte man sein geld sonst auch ausgeben? sparen für das besondere war eh nicht. also: erst das fressen , dann die moral.

  3. pavel Says:

    Och, in der DDR (wie übrigens auch in der Sowjetunion) wurden einfach alle westlichen Chips kopiert, die man im Land produzieren konnte; im besten Fall mit Lizenz. Natürlich hinkte man deshalb hinterher. Dass man da irgendwas eigenes überhaupt entwickelt hat, das bezweifle ich stark.

    Und sparen… Ich weiß nicht, wie es in der DDR war, in der Sowjetunion gab’s einen sehr lebendigen Schwarzmarkt 😀

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