kurzeweile

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Ok, langsam verkommt dieser Blog zu einem mittelintimen Familienfest – virtueller Nudelsalat in der Tupperdose. Subjektivität kriecht aus jeder Ritze und wäre es nicht, dass ich einen Hausmeister hätte, der immer mal wieder die zerbrochenen Scheiben neu glasern lässt oder den Flur 14tägig nass durchwischt, sowie mich ab und zu mal ermahnt, die Birne im Oberstübchen auszuwechseln, sie würde immer so einen Wackelkontakt haben…tja.
In einem Anflug domestizierter schlechter Laune begab ich mich aufs Fahrrad. Einmal rund um den Tierpark, das Regierungsviertel und die olle schöne lieblich nach ein wenig Ostsee (naja oder was auch immer) duftende Spree. Touristenknäuel, Velotaxis, schreisingende Rumänen am Akkordeon; am Ufer des Flusses Trommelmenschen, Sonntagsausflügler, ein Fotoshooting. Am Tiergarten winkte ich kurz Horst Köhler beim Sonnenbaden zu. Danach erblickte ich es: das Rudel. Zunächst mochte man denken, das Zigeunerlager, bekanntlich irgendwann in den Himmel gezogen, wäre wieder zurückgeplumpst, mitten in den Tiergarten. Oder sei wie Pilze aus dem noch-grünen Rasen gesprossen. Schon von weitem hätte ich die Rauchschwaden über den Bäumen erblicken können.
Das Schöne für mich als Berliner Binnenmigrant ist ja, hier Dinge zu sehen, die ich bis dato nur aus dem Fernsehen kannte und jetzt in echt und Farbe erlebe. Dazu gehört im Sommer: das türkische Massengrillen im Tiergarten. Ganze Rinder sollen da verzehrt werden, knietief watet man in Knochen und Speiseresten, beißender Rauch verhüllt die Sicht. Welcome to little Istanbul.
Naja. Vielleicht ist ja noch nicht der Höhepunkt der Saison erreicht, wer weiß. Zumindest waren da keine Rinder. Nur viele Muttis auf Decken, mit Kopftuch. Ihre Kinder, ziemlich dicke Mädchen, die, sicher noch nicht in der Pubertät, schon Brustansatz haben und die dritte Packung Eistee runterglucksen, tummeln sich um sie rum. Patriarchische Familienoberhäupter stehen am Grill und schauen der erlegten Beute beim Tropfen und Qualmen zu. Alternativ wird männlich, breitbeinig auf klapprigen kleinen Stühlchen gebrunzt, geschmerbaucht, Sonnenblumenkerne und Kürbiskerne rattern durch die Luft. Ich vermute im Stillen, in so einem kleinen Anfall gehässiger Doitschtümelei, sie fangen und essen auch Eichhörnchen. Kicher. Die dicken Eisteemädchen sehen jedenfalls so aus, als knabbern sie gerade so ein gebratenes Eichhörnchen am Stiel. Hihi.

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Szenenwechsel in mein verträumtes kleines Heim, einer preiswerten Auffangstation für weitestgehend mitteloses sowie ausländisches junges intellektuelles Prekariat. Es ist Sommer, eigentlich hätte ich vorgewarnt werden sollen – aber ich habe die Zeichen nicht sehen wollen. Sommer, ach was, das geht ja schon im Frühling los: Pärchenzeit.


Pärchen, da wo ich wohne, sind irgendwie komisch, seltsame possierliche Wesen, die sich in einem beschränkten Territorium anschnüffeln und eventuell, im schlimmsten Fall, zusammenziehen. Die Jahreszeit erlaubt auch ein erneutes Durchmischen der Karten. Folgende Typen der Pärchenbindung und –entbindung (kicher) sind zur Zeit auszumachen:

1) Das getrennte Pärchen. Sie haben mal eine Matratze und ein Kochset geteilt, jetzt sind sie wie Bruder und Schwester, verwechseln auch mal ihre Socken miteinander. Der Trennungsgrund, das wird vor den anderen verheimlicht, war der schlechte Sex und gewisse Ticks beim Mädchen. Selbiges sucht letzten Endes ein bisschen neue Selbstbestätigung durch ergebnislose Flirts mit vereinsamten Informatikern aus Asien.
2) Das frische Pärchen. Kennen sich noch nicht so lange, haben aber schon Spitznamen füreinander, die kein Mensch durchblickt. Gemeinsames Essen stärkt den Magen  und die Verbindung. Als sie ihm eröffnet, sie muss für vier Tage kurz wegfahren, bricht er fast innerlich zusammen, betrinkt sich abends hemmungslos und pennt im Flur ein. Verschläft ihre Abfahrt. Später macht er sich erst Vorwürfe, dann Katerfrühstück.
3) Die Senioren. Keiner weiß, wann sie zusammengekommen sind. Bezeichnend ist immer wieder gemeinsames Essen. Beim Essen wird gezankt, wer diese Woche die Wäsche macht und wo der Joghurt überhaupt ist? Gehen beide teilweise Jobs nach, gönnen sich ab und zu ein Konzert oder Theaterbesuch. Er kommt gelegentlich „zufällig“ ins Badezimmer, wenn anderes Weibsvolk dort ist oder läuft mit nacktem Oberkörper herum.
4) Die ewig Verliebten. Er bringt ihr die Hauspantoffeln, kocht Essen und wenn nicht so viele zugucken würden, gäbe er ihr auch eine Fußmassage – begleitet von gurrenden Lauten. Schnurrt um sie rum. Essen beiden ebenfalls gerne – ausgefallen. Könnten zusammenziehen, aber sie weiß schon was sie von der räumlichen Distanz hat.
5) Das phlegmatische Pärchen. Sie sitzen gerne zusammen auf der Couch und gucken Fernsehen. Bis zu drei Stunden oder mehr. Egal was. Dabei wird – na was? – klar, gegessen. Sie passt sich gerne seinen Eßgewohnheiten an, darf’s eine Tüte Chips mehr sein? Geredet wird nur in der Werbepause: „Willst du noch was zu essen?“. Benutzen oft Anglizismen wie „Babe“ und „Honey“ weil sie eigentlich auch nicht dieselbe Sprache sprechen, verstehen sich aber sonst super, haben nicht so viele Hobbys, aber wieso auch. Manchmal macht er ihr Vorwürfe, dass sie ihn nicht verstehe. Dann schweigt sie. Später Versöhnung beim Essen. Prost.
6) Das heimliche Pärchen. Betrifft vor allem schwule Pärchen, die keine Stunde ohne einander verbringen, aber offiziell nur Zimmernachbarn sind. Kochen leidenschaftlich und laut zusammen, sprechen meist ausgefallene Sprachen und gurren sich beim Essen an. Machen Einkaufsbummel, gehen zusammen zum Friseur oder genießen das Leben auf europäischen Kurzreisen. Sind die absoluten Mädchentypen und betonen jeden Freitagabend, dass sie jetzt noch ein paar Schlampen aufreißen in ihrer Stammdisco. Gehen dann Händchen haltend durch Schöneberg unter einem roten Regenschirm.
Zweite Sorte des heimlichen Pärchens betrifft das Mädchen aus Beziehungstyp Nummer 1. Sie hat eine heimlicher Affäre mit dem besten Freund ihres Ex, dazu noch zu viele Schulden um einfach auszuziehen, also bleibt das ganze erstmal unter Verschluss. Kochen ab und zu miteinander und suchen Situationen des Körperkontakts: exzessives Kichern, Kitzeln, Raufereien, inszenierte Streitereien. Der abgelegte Exfreund entwickelt in der Zwischenzeit absurde Hobbys oder probiert einen neuen Lebensstil aus.
7) Die Fernbeziehung. Meist ausländischer Natur. Oft steht dabei jemand auf dem Flur, auf dem höchsten Stockwerk, schreit sich in einer seltsame Sprache die Lunge aus dem Leib in das Telefon, man kann vermuten, es heißt soviel wie : „Du…………ich versteh dich gaaaanz schleeeeeecht!!!!!“ Auffällig ist, der örtliche Fernbeziehungsteilnehmer isst sehr wenig, es gibt oft ein kleines bescheidenes Mahl aus Brot und Gemüse, vermutlich weil die Telefonrechnung so hoch ist. Gelegentliche Alkoholexzesse und Fressattacken mit Schokolade.

Zum Schluss:
8 ) Der Flirter. Braucht Frauen um sich, um glücklich zu sein. Zieht auch gerne bei anstrengender körperlicher Arbeit seine Oberbekleidung aus. Ist meist muskulös, hoch gewachsen, aus gutem Elternhaus und durchtrainiert. Hat ausgewählten Geschmack, kann gut aussehen und sich eloquent in mindestens drei Fremdsprachen unterhalten. Die Jungs beneiden ihn oder wollen seine Freundschaft gewinnen, die Mädchen schätzen seine Qualitäten als Zuhörer, Eltern wollen ihn als Schwiegersohn. Hat Stil und ist großzügig (kocht auch gerne).
Nach ein paar Wochen entdeckt man aber sein geräuschvolles Verdauungsproblem, das er unbekümmert der Welt mitteilt („Wie, is doch wohl nur natürlich?!“), seinen untergründigen Humor und dass er gerade aufgrund einer mittelschweren Depression sein Studium auf Eis gelegt hat um nun jede Nacht mit Polinnen im Internet zu chatten. Wenn man sein Zimmer betritt, hofft man, er schließt nicht die Tür.

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2 Antworten to “kurzeweile”

  1. pavel Says:

    wieder so viel text, ey

  2. nikakoi Says:

    ja ey wirklich ey. ey ich kann aber auch nichts dafür ey. außerdem bin ich jetzt emperatesse über das studio. hatte ich jedenfalls so verstanden. ey. MACH DOCH DEINEN EIGENEN BLOG, DU!!!! 😀

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