i’m gay. and i’m not going shopping.

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Schwule und Lesben sind in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Zumindest standen sie gestern in Berlin-Mitte rum und feierten, äh, na, sich selbst oder so. Es gab wieder viel optisches Material für die Heterosexuellen oder Klemmis daheim an den Empfangsgeräten, wir vergnügten uns damit aufgrund des Regens, der den Spaziergang im Tiergarten nicht wert zu sein schien. Dabei fiel mal wieder auf, dass Schwulsein ja eine einzige große Party ist, zumindest am CSD. Da wollen dann alle mit, auch die Politiker, die sonst nur milde Worte von „Ja da können Sie sich voll auf den Rechtsschutz des Staates verlassen!“ übrig haben. Da wollen auch die irritierten, aber belustigten und natürlich total offenen Mütter und Väter dabei sein, ich meine, man muss ja damit rechnen, dass es mal die eigenen Kinder betrifft. Da waren dann attraktive und naja, selbstverliebte Schönheiten auf Wägen zu begutachten, viel Haut und wenig Stoff, so muss das halt sein bei den Schwulen und Lesben, wa – wird sich Heinz Potzewski aus Hellersdorf gesagt haben. Die können ja auch nicht anders, diese Triebgesteuerten. Das muss ja raus, sonst…. Ja sonst.
Stellen wir uns in aller Euphorie, die man trotzdem gerne haben darf – gucken wir nur mal rüber nach Polen und was da CSD für ein Politikum ist – doch mal vor, alle Schwulen und Lesben wären arm und sähen durch die Bank weg scheiße aus, wären behindert, säßen im Rollstuhl oder wären geisteskrank. Meine Frage zielt darauf ab, ob die so genannte Toleranz, die sich durch Großstädte zieht, und durch Berlin wie kein zweites, nicht auch eine ist, die mit der schönen kapitalistischen Erkenntnis zu tun hat, dass Schwule nicht nur eher Geld zur Verfügung haben (dafür ja auch keine Kinder versorgen- meistens) und einen erlesenen Geschmack besitzen, den sie sich ebenso was kosten lassen. So die gängige Annahme. Bernd und Klaus scharwenzeln mal für ein Wochenende übern Ku’damm um, tja, Geld auszugeben. Stell dir vor, Bernd und Klaus sind jetzt aber zwei Kerle, der eine 45, der andere 56 und sie sind beide arbeitslos. Stell dir vor, Bernd ist arbeitsunfähig, Klaus hat einen Bandscheibenvorfall. Da wird aus Ku’damm schnell mal Pankow, aus Antiquitäten Schnäppchentrödel vom Flohmarkt.
Homosexualität ist in. Überhaupt ist Sex seit den 90ern in. Man spricht so viel darüber. Dennoch ist Fakt, dass eine Mehrheit über Sex spricht und eine Minderheit ihn hat. Und es gibt den schwulen Mainstream, den Schwiegermutterschwuli, wie wir es nennen, der in unseren Köpfen, Herzen, Vorabendserien angekommen ist, da also, wo das wirklich wahre Leben beginnt. Er ist jung, auffallend jung, sensibel, gut rasiert und hat immer ein frisches Polohemd an. Konflikte gibt es höchstens mal mit dem Vermieter oder dem langjährigen Freund, der einmal mehr die Zahnpastatube, wie oft habe ich es ihm schon gesagt … bla. Außerdem: Frauen lieben Schwule und Schwule lieben Frauen. Das scheint schon seit Darwin so zu sein, jedoch ist dies auch nur die Spitze des Eisberges. Vom Affen auf den CSD-Umzugswagen. Wir können ja nicht anders.


Reden wir über etwas anderes –  z.B. heteronormative Entwürfe von Homosexualität. Klingt erstmal paradox. Ist es auch. Denn ursprünglich war das Bild des Homosexuellen (v.a. des Mannes) ein negatives. Männliche Homosexualität war nicht nur bäh-bäh, sondern eine Gefahr für Nation und Familie. Keine Fortpflanzung, keine Kinder, kein Beitrag zum Volkswesen – wenn man es auf biologische Argumente reduziert. Kulturell waren Schwule zu  subversiv. Man sieht die Welt eben ein klitzekleines bisschen anders durch die rosarote Brille. Sozial, so nostalgierte auch Michel Foucault, ist irgendwann im Umbruch zur Moderne die zarte, ja zärtliche, auch auf körperlichem Kontakt beruhende Männerfreundschaft verloren gegangen.* Wenn sich heute an Bushaltestellen Mädchen Küsschen geben und Arm in Arm schlendern, ist das die unschuldigste Sache der Welt – bei Männern jedoch nicht. Dies jedoch auch gerne unter dem vergessenen Aspekt, dass es eben zwischen Mädchen „nichts“ bedeutet, da man sie nicht ernst nimmt, ihre Sexualität eine ziemlich dürftige und eher passive im offiziellen Diskurs ist, es gibt für sie praktisch keine Landbrücke zwischen Abstinenz und Promiskuität.
Identität ist konstruiert sagen manche. Ist ein Produkt aus einer mysteriösen Grundsubstanz und der Rest passiert wenn wir rausgehen und anderen sozialen Wesen, namentlich Menschen, begegnen, die im Schneeballprinzip unser Leben gewollt oder ungewollt mitbeeinflussen. Für den homosexuellen Mainstream bedeutet dies v.a. dass irgendwann besonders sichtbare Exemplare in das Bewusstsein heterosexueller Neuhaptiker gelangten; dort transformiert wurden zu einem Bild, das zurückgeworfen wurde auf die homosexuelle Gemeinschaft. Dieses heteronormativ gerahmte Bild brachte paradoxerweise ausdrückliche Definitionen und Zuschreibungen mit sich, was und wer schwul zu sein hatte: Männer, junge Männer, gut rasiert, im Polohemd, in langjähriger Beziehung, gesprächsbereit, Frauenversteher … es gab keine Arbeitslosen, nur Designer, Modemacher, Visagisten, Friseure. Keine Alten, Kranken, AIDS nur als große Unbekannte, als dunkle Bedrohung, als Strafe für den Sündenfall. Der Rest war ein bunter Mitschnitt vom CSD, unterlegt mit Queen, Rosenstolz und stumpfen Beats, oszillierend zwischen Schlager, Disco und Techno. Interessanterweise haben sich eine Menge Schwule diesem Bild angepasst. Es gibt einen hetero-akzeptierten Rahmen für sie vor, Berufe, Aussehen, Verhalten, das ihnen zugeschrieben, zugebilligt und mit dem sie die selbsterklärten aufgeschlossenen Zeitgenossen in ihrer Gegenwart akzeptieren. Die Spielregeln werden immer noch woanders gemacht.
Klaus Wowereit, auch so ein genormter, der sich als Projektionsfläche für Schwiegermutterträume anbietet (gut gekleidet, feste Beziehung, hohes Amt) und so den Mainstream-Prototypen darstellt, sprach auf der CSD-Kundgebung davon, dass niemand aufgrund seiner „Sexualität, sondern nur aufgrund seiner Leistungen beurteilt werden sollte“. Dass das Gegenteil als Realitätsfilm läuft, ist wohl klar. Aber die Frage stellt sich auch, warum man alle so schön nur nach Leistung über einen Kamm scheren will? Wer hat gesagt, dass Gleichheit realisierbar ist? Wir sind nicht gleich – es lebt ja gerade der Unterschied und er ist nicht wegzudenken. Das Abzielen auf Gleichheit verwischt die Sicht auf die Vielfalt homosexuellen Lebens, das eben oft nicht aussieht wie in einer Vorabendserie. Gleichheit manifestiert, dass Homosexuelle mit Gleichstellungsgesetz und eingetragenen Partnerschaften eben dem Heterotrend hinterher hecheln, an alternative Konzepte zu diesen schon lange überkommenen (und unabsprechbar romantischen) Happenings namens Hochzeit und Lebensgemeinschaft wurde bisher noch nicht (laut) gedacht. Der kleinste gemeinsame Nenner ist wohl Sexualität an sich, und dann verzweigt sich alles – warum sollten an dieser Stelle also Homosexuelle nur „nachgeholt“ werden auf dem heteronormativen Eselskarren?
Wowereits Aussage verbannt auch schwules und lesbisches Auftreten in den Bereich des Privaten. Im Büro bitte adrett und höflich, zuhause mit der eingetragenen Lebensgemeinschaft grünen Tee trinken  und Kochsendungen auf dem Sofa gucken. Ging es nicht gerade um Sichtbarkeit? In Berlin-Mitte trifft man wenige homosexuelle Paare auf der Strasse, für ein bisschen schaulustigen Homotourismus muss man nach Friedrichshain oder Kreuzberg oder ins Genderseminar.
Und reden wir über Frauen in der Gemeinschaft: eine selbstzerfleischende Szene, die ihre Krallen zwischen politischem Feminismus und impulsivem Pragmatismus spreizt. Da wollen die einen den anderen ihr Recht auf ihre Sexualität absprechen, weil sie Sadomasochismusanhängerinnen sind; „Perversitäten“ haben im Gutemenschenbild einiger Frauenaktivistinnen nichts zu suchen. Gewalt als Lustgewinn ist was für Männer – die haben den Kampf, den Krieg, den Tod. Frauen, diese persilfrischen Lämmer und schwarzen Schafe … Blümchensex, der äußerst dezidiert zerredet wird. Lesbe zu sein ist nicht einfach, schon deine Haarlänge kann ein Fauxpas ohne Ende sein. Die Szene macht sich Druck und klammert sich mit verzweifeltem Optimismus an jedes Signal aus Mediahausen, dass, ja, auch Frauen, homo… und so. Von öffentlicher Seite wird dann schnell versucht, noch einen „passenden Mann“ zur Heilung zu finden – denn weibliche Sexualität ist eine Wiese voller Obstbäume und die Früchte fallen dir nur so in den Schoß… die Klischees von der männerhassenden Amazone wird in den eigenen Reihen selber gut genährt und weiterverfüttert; Mädchen- und Frauenfußball ist immer noch nur was für Andersrumme. Identitätsfindung in den Zuschreibungen von außen, Abgrenzung in einem diffusen Bild dessen, was man nicht zu sein scheint. Widersprüche inklusive.

Man mag behaupten, in der als heterosexuell konzipierten Mehrheit geht die Akzeptanz der Schwulen und Lesben und allen Abstufungen dazwischen nur so weit, wie sich Heteros in ihnen wieder erkennen oder ein direkter „Nutzen“ aus ihnen hervorgeht. Zuschreibungen und Bilder sind dabei die Blaupause einer Blaupause, die sich von Anfang nur das schillerndste Exemplar ausgesucht hatte. Die Illusion der Gleichheit, die nie eine sein wird sondern nur das Gewähren einer Instanz an die andere, verhindert die Erschließung wirklich neuer Lebenskonzepte. Der Mensch, der träge. Die Frage der Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit ist eine zweischneidige, man muss sein Privatleben einfach nicht politisieren, wenn man das nicht will, denn die Logik des Selbstverständlichen liegt auch darin, etwas nicht zu betonen zu müssen. Was also tun? Parallelgesellschaft? Offene Konfrontation? Selbstbewusstsein ohne das Gängelband heteronormativer Medien oder ihrer Bedingungen?
Unsere angebliche Offenheit beruht auf dem Waffenstillstand, den sich die finanziell flüssigen Homosexuellen erkauft haben. Wir lassen euch in Ruhe, aber gebt uns Geld. Wir bauen euch Clubs, Kegelheime, machen eine Parade für euch, aber bitte zahlt auch dafür. Eure Elenden, Verzweifelten, Kranken, Schüchternen und Armen lasst daheim. Wir feiern ein Fest euch zu Ehren. Was ziehe ich bloß an?

 *Anmerkung: der Umbruch zur Moderne bedeutete auch die Bewusstwerdung der Ökonomie und des Kapitalismus. Auch für das soziale und emotionale Leben hieß dies, sich nach ökonomischen Mustern klassifizieren zu lassen. Mit dem einhergehenden Materialismus verlor jegliche menschliche Beziehung, die nicht mit einem Ergebnis, einer materialistischen Ordnung oder einem ökonomisch- rationalistischen Zweck aufgenommen wurde, ihren Sinn, so dass sie für wertlos erachtet wurde, als zurückgebliebenes Überbleibsel einer sich eher an immateriellen Werten orientierenden Epoche. Karl Marx’ Kommunistisches Manifest ist ein Meisterstück in der Darstellung der Ökonomisierung der Familie und des Geschlechtslebens. Gleichgeschlechtliche Lebensweisen werden somit unbedeutend, ökonomisch wertlos, da aus ihnen keine Produkte, ergo keine Kinder hervorgehen. Die Verwehrung einer eingetragenen eheähnlichen Beziehung unterlag dem Gedanken, dass dies moralisch nicht legitim sei – und ohne Legitimation kann man keinen Haushalt gründen, eine Familie, eine Zelle des Konsums und der Agitation werden. Der Verweis auf Zuneigung und emotionale Nähe ist damit unrational und immateriell. Die heutige vordergründige Akzeptanz schwul-lesbischer Lebensweisen ist damit erst wieder „salonfähig“ geworden mit der Entdeckung ihres materiell-ökonomischen Käuferpotentials und staatlicher Legitimation, die aus Individuen Konsumenten mit geteiltem Einkommen macht.
Das gleiche Prinzip lässt sich auch für die religiöse Ablehnung Homosexueller anwenden. Nur ist hierbei nicht der materielle Faktor entscheidend, sondern der moralische Wert, der einer Lebensweise und Handlung zugesprochen wird. Hierbei kann man sich ein System von Minus bis Plus vorstellen, wobei moralische als wertvoll erachtete Taten und Lebensweisen einen „Kredit“ haben, während Homosexualität im Minusbereich verharrt. Einer der primären Klassifikation im rational-ökonomischen Sinn ist dabei erneut die Reproduktion, hier als Erweiterung der Glaubensgemeinde. Zuneigung und Emotion spielen auch hier keine Rolle. Kinder zu produzieren ist hierbei ökonomisch wertvoll, keine Kinder sind abträglich – ebenso das Spiel um die Aufnahme in Himmel und Hölle orientiert sich danach, wie viel man akkumulieren muss, um in den Himmel zu kommen, und wie viel man verschwenden muss um in der Hölle zu landen. Strafe und Buße sind dabei Mittel, seinen Kredit wieder „aufzustocken“ – bis zum nächsten Sündenfall – und die göttliche binäre Ordnung der Welt nicht weiter oder gar nie mehr zu hinterfragen.

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