Archive for Juli 2007

populär a day in the life

Juli 30, 2007

Eigene Mythopoetik mit Apparat. Ein Perpetuum mobile, gebaut aus Holz, Federn und Teer.

Samstag.
Bis 14:00Uhr: im Regen durch Berlin fahren. Erkennen, endlich, dass man schon fast ein Jahr hier wohnt und es langsam auch die eigene Stadt zu werden scheint. Man kennt mittlerweile ein paar Ecken, wenn auch nicht alle und die, die man kennt, sind wahrscheinlich nicht mal interessant. Sich dem Druck, klaustrophobisch hip zu sein in der großen Stadt nicht beugen. Reisemelancholie selbst auf der Fahrt zum Einkaufen.
Ab 15:00 Uhr: Getting there hanging around. Grillpartyeinladungsvorschläge im Sommer als Vegetarier anzunehmen sind meistens: eine schlechte Idee. Man wird schnell zum Zankobjekt („Wer hat dich eigentlich eingeladen, wenn du eh nichts isst?“). Es ist angeraten für den distinguierten Vegetarier, schon bereits vorher eine vollwertige Mahlzeit a.k.a. Biergrundlage einzunehmen. Und dann soviel fleischloses Bier zu trinken bis der mir unbekannte und eigentlich auch nicht unbedingt sympathische dickleibige Gastgeber mich böse anguckt. Alle sind wir lustige Studenten da auf dem Balkon in Mitte, home of the polohemdträger. „Und was studierst du so?“ Mit dem verzweifelten Selbstbewusstsein eines ewig missverstandenen versuche ich einen Witz, der klirrend auf dem eiskalten Boden zerspringt. Die Wirtschaftswissenschaftlerin mir gegenüber verzieht ihren mit Lipgloss und Marinade verschmierten Mund: „Is’ das auch so langweilig wie sich’s anhört?“ Brüller in der Runde. Ich sehe mich selber in einer Fensterscheibe spiegeln und frage mich zum vielleicht 8. Mal in Folge, was ich hier eigentlich verloren habe. Wir reden stattdessen über Sex. Alle arbeiten in derselben Firma. Mir ist langweilig, mir ist kalt und ich hab Hunger. Mich tröstet jedoch, dass ich später erfahre, dass der einzige sympathische Typ, der sich schief lächelnd hinter seinem Bier und seinem trockenen Humor versteckte, Depressionen hat.

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meat town

Juli 26, 2007

Kjötbærinn
– Die Fleischstadt-

Von Kristín Eiríksdóttir

Kristín Eiríksdóttir wurde 1981 geboren.
Sie studiert Malerei an der Kunsthochschule Islands.
Kjötbærinn ist ihr erstes Buch.
Raw translation from Icelandic by nikakoi
Un-courtesy by Bjartur ehf. Reykjavík 2004
S. 10-26
Die Zeichen deutlich. Die Stehlampe flackert. Gewürze bedecken den Küchenfußboden. Das Radio geht von selber an und geht stotternd aus. Die Deckenlampe flimmert. Die Elektrizität wird sichtbar, hauchdünne Neonfäden winden sich durch das Zimmer. Eine Kleinanzeige in der Zeitung wird dreidimensional:
                                           Die Fleischstadt bittet um Feueropfer.

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you remind me

Juli 15, 2007

Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wer alles von meinen Bekannten auf diesem Planeten an Blogs schreibt. Sicher einige. Mein sozialer Autismus, der hier in diesem Blog ja nur seine visuell-graphische Manifestation findet, hält mich meist davon ab, rauszufinden, wer alles im Netz unterwegs ist.
Heute erhielt ich einen Link für einen neuen Blog. Der wird von einer Frau geleitet, bei der, na, ich mal Kostgänger war, meine Wäsche wusch und im Gegenzug jeden Samstag ihre Töchter badete. Außerdem durfte ich die „lieben Kleinen“ jeden Morgen zum KG fahren, weil Mama noch bis 10 Uhr im Bett lag; machte als konsequenter Atheist jeden Sonntag das Mittagessen, wenn die Familie in der Kirche war (weil’s da auch immer Suppe gab – Unterschicht auf ausländisch), missbrauchte ihre Internetflatrate bis zum Anschlag (Einsamkeit auf einheimisch), las Dornröschen in allen Sprache die ich kann, machte Nahkampfkonfliktbewältigung (Kindererziehung in Echtsprech) und ließ mich stets belehren über die Wunder der Fortpflanzung und Sojamilchproduktion im eigenen Heim.
All das fällt mir eben wieder ein, wenn ich dieselben Fratzen sehe, die mich gut behandelt haben – keiner muss bei uns unterm Tisch schlafen – aber die mir so penetrant auf den Wecker gefallen sind, dass es kaum zu glauben ist, dass ich freiwillig 6 Monate mit ihnen verbrachte, hoffend, irgendwie, es würde besser, man würde durchbrechen zu den Menschen hinter den Masken.

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weekenders

Juli 15, 2007

was tun am sonntag? neben all dem unerledigten scheiß und zeit totschlagen: lesen. z.b. vom falschen weiblichen ehrgeiz.

ich wünsche mir eine welt in der ehrgeizig nicht synonym ist mit spießig, langweilig oder lebensfeindlich. immerhin, irgendwie scheint dieser begriff nur auf einige bereiche negativ zu wirken. von einem unehrgeizigen arzt würde man sich ja auch nicht behandeln lassen oder die müllmänner sollen jeden tag bitteschön auch nicht nur luschig über die straßen kutschen.

berlin als messgrad für die eigene integration, schafft man’s, hat man genug freunde in hippen bezirken, kennt man genug bars, parks, clubs und menschen, die einem das totale berlin-erlebnis ermöglichen? berlin als lackmustest ob man es in einer parallelwelt auch schafft, sich durchsetzt gegen die autonomen spießer aus k-berg, angestrengt aufgeklärten aus f-hain und neoliberalisierten aus m. ich sag ma so: berlin ist auch nur eine stadt, obwohl sie mehr verspricht als sie halten kann. wer sich von ihr irgendwann abwendet, hat vielleicht auch wirklich besseres zu tun. das verlassen von berlin als sowiesonichtberliner ist aber kein scheitern. berlin ist nicht die einzige stadt deutschlands, nicht mal die schönste, denn kurz nach mitte wird schon lichtenberg und danach marzahn.

und: presseclub erotisch. wenn mal die katholische kirche so lakonisch über sex plaudern würde.

naturalize me

Juli 15, 2007

biesdorf ist nicht potsdam.
eine ewigkeit in den berliner osten fahren, laute musik im ohr, die landschaft löst sich langsam auf, die stadt zerfasert am rande. ankommen in einem verkehrs- und lebensberuhigten bereich, einer sicherheitszone ohne gegenwart und vergangenheit, mit eigenwillig-systematischen namen für straßen, die doch nur asphalt sind, auf dem plastikschuhe heuer schmelzen.
schrebergärten, dicke menschen, die ihren freien tag in der woche mit dem schneiden quadratischer formen in strauchgewächse verbringen. blumen, echte blumen am straßenrand. in der ferne staub und ödland mit neubauten.
es treffen aufeinander: russland, slowakei, kasachstan, polen, west- und ostdeutschland. das alles in einem schrebergarten mit terrasse, sonnensegel, steinofengrill, rosen, geräteschuppen. fehlen nur noch die gartenzwerge.
konferiert wird in zwei bis drei sprachen. gegessen werden deutsche brötchen mit russischem auberginenaufstrich, türkische sesamtäfelchen mit mangosaft runtergespült. geschwitzt und gelacht wird transnational.

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wohnheime verlieren recht schnell nach anfänglicher euphorie über ein irgendwie geartetes familien-WIR-gefühl ihren reiz durch den konsequenten mangel an privatsphäre. neben einigen unappetitlichkeiten, die man für den immobilienschleuderpreis hinnehmen muss, wird man auch stets unfreiwilliger zeuge zwischenmenschlichen bäumchen-wechsel-dich-spiels. so gesehen in den nächten, in denen die gemeinschaftszimmer aussterben und platz machen für bandeleien, die man lieber nicht entdeckt hätte.
dass man darüber hinwegsehen soll, ist oberstes gebot; kopfkratzen über die emotionale phlegmatik von menschen, die sich praktisch wie in einem gefängnis miteinander auf gedeih und verderb vertragen müssen, sollte jedoch erlaubt sein.

so gesehen: W war zusammen mit M1 für zwei jahre und wohnte mit M1 zusammen; ganz plötzlich kommt das aus, was meistens den auszug einer der beiden bedeutet – im normalfall. man kann sich auf 18 qm nicht aus dem weg gehen. wenn aber W plötzlich mit M2, dem besten kumpel von M1, händchen hält und plappert nur um sich reden zu hören, nur um echolotisch ihre neue rolle als potentielle gespielin von M2 auszutesten, dann… beziehungen unter bewohnern sind implizit tabu. entweder man hat eine soziale welt draußen oder eben nicht. ein soziales feld innen aufzubauen zeugt meist von kontakt-, sprach- oder finanzproblemen. W hat zwei davon. M2 hat ebenso zwei – mit zunehmendem alter erkennt er z.b. die zynik von frauen, die keinen kerl wollen, der sich tagein, tagaus von trocken brot und gekochten kartoffeln allein ernährt.
beziehungen unter bewohnern sind wie inzest. schwer vorstellbar unter welchen voraussetzungen man das letzte bißchen privatsphäre, in form eines schlüssellochs mit passendem schlüssel, aufgibt. muss schon nachts verdammt einsam sein. W und M2 sind das wohl. M1 hat sich nach einigen tiefs, ausgedrückt in form einer politischen radikalisierung und arbeit bis zum umfallen, mit der situation arrangiert.
W und M2, viel glück auf dem neuen weg. ertragt die verwunderten blicke mit würde. ertragt die baldige langeweile und das abnutzen des reizes im pathologischen alltäglichen mit fassung. es geht mich ja eh nichts an – but there’s no distance left to run.

lasst isländische poeten sprechen:
„deine augen
so rein
so klar
so vollkommen.
deine augen
sind ein spiegel
wie der himmel.
deine augen
sie spiegeln auch mich

– und wie gut ich in ihnen aussehe. –

N.N.

– auch achse –

Juli 12, 2007

Nikakoi’s summer special: rainy indoor writing.

Coming up:

Kristína Eiríksdóttir “Kjötbærinn” (Meat town). Bjartur Reykjavík, 2004kjot.jpg
Special unlicensed translation by nikakoi.

“Nichts hängt mehr an den Wänden keine Bilder keine Plakate seit Kalvin die Heavy Metal Plakate letztes Wochenende abgemacht hat, dachte, dass wäre ihre Schuld, dass ich so schlecht träume, ob nun wachend oder schlafend. Ich weiß dass es nicht die Schuld der Heavy Metal Plakate war, aber war trotzdem froh dass er sie abgenommen hat. […] Ich heiße Kata und bin blass weil ich soviel drinnen hocke, menschenscheu weil ich soviel alleine drinnen hocke, Botschafter der Wahrheit mit schwacher Vorstellungskraft jung und verliebt. Das Zimmer ist viereckig, der Teppich fleckig und abgescheuert in der Mitte. Die Wände leer seit Kalvin die Plakate abgenommen hat.“

Coming also up:

– body politics
– construction of identity; the contradiction and arbitrariness of citizenship and passport issuing
– the world of language books. teaching a happier, friendlier, safer environment.

Über allen Gipfeln ist Ruh‘

Juli 11, 2007

Kurzes Statement zu den türkischen Verbänden, ihrer sogenannten Strategie beim Integrationsgipfel und der Position der Bundesregierung. Die demnächst umzusetzenden Änderungen des Ausländerrechts sind – vermutlich – im Ansatz gut und richtig, vor allem was den Schutz importierter Ehefrauen angeht (nebenbei, es geht mal wieder nur um die Türken; denkt doch mal jemand an die Thailand- und Non-EU-Osteuropafrauen! nur so als Beispiel). Die Reaktionen aus der Türkei sind typisch für alle mehr oder weniger autoritären Länder mit Opferkomplex, nur hat die Türkei eine für „nationale“ Belange sehr leicht entflammbare Community in der BRD; freilich, ohne dieser Community gäb’s auch keine Reaktionen. Trotz des vermeintlich von außerhalb kommenden Impulses sollte jetzt gefragt werden, inwiefern für die Empfänglichkeit für die Parolen der Vordenker aus der Türkei die verfehlte Integrationspolitik verantwortlich ist. Ohne die Forderungen und die Verhandlungsstrategie der türkischen Verbände relativieren zu wollen – meines Erachtens ist die Veranwortlichkeit der BRD nicht zu gering einzuschätzen. So will man einerseits die in Deutschland lebenden Ausländer vom Herkunftsland abnabeln, andererseits werden in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern nicht automatisch Deutsche. Ja, warum eigentlich? Das wäre doch die Abnabelungsstrategie par exellance. Wenn die Herren Türkenverbandschefs Symbolpolitik machen wollen, sollen sie Symbolpolitik kriegen. Gegen „Einbürgerung durch Geburt“ würden sie bestimmt auch protestieren; währenddessen leistet sich die BRD lieber ein wildes Etwas irgendwo zwischen Blutrecht und ius soli statt statt ein zeitgemäßes Staatsangehörigkeitsrecht auszuarbeiten. Vielleicht gibt es ja irgendwann Einbürgerungstests für Säuglinge! „So kommen wir wieder nach vorne“