Über allen Gipfeln ist Ruh‘

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Kurzes Statement zu den türkischen Verbänden, ihrer sogenannten Strategie beim Integrationsgipfel und der Position der Bundesregierung. Die demnächst umzusetzenden Änderungen des Ausländerrechts sind – vermutlich – im Ansatz gut und richtig, vor allem was den Schutz importierter Ehefrauen angeht (nebenbei, es geht mal wieder nur um die Türken; denkt doch mal jemand an die Thailand- und Non-EU-Osteuropafrauen! nur so als Beispiel). Die Reaktionen aus der Türkei sind typisch für alle mehr oder weniger autoritären Länder mit Opferkomplex, nur hat die Türkei eine für „nationale“ Belange sehr leicht entflammbare Community in der BRD; freilich, ohne dieser Community gäb’s auch keine Reaktionen. Trotz des vermeintlich von außerhalb kommenden Impulses sollte jetzt gefragt werden, inwiefern für die Empfänglichkeit für die Parolen der Vordenker aus der Türkei die verfehlte Integrationspolitik verantwortlich ist. Ohne die Forderungen und die Verhandlungsstrategie der türkischen Verbände relativieren zu wollen – meines Erachtens ist die Veranwortlichkeit der BRD nicht zu gering einzuschätzen. So will man einerseits die in Deutschland lebenden Ausländer vom Herkunftsland abnabeln, andererseits werden in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern nicht automatisch Deutsche. Ja, warum eigentlich? Das wäre doch die Abnabelungsstrategie par exellance. Wenn die Herren Türkenverbandschefs Symbolpolitik machen wollen, sollen sie Symbolpolitik kriegen. Gegen „Einbürgerung durch Geburt“ würden sie bestimmt auch protestieren; währenddessen leistet sich die BRD lieber ein wildes Etwas irgendwo zwischen Blutrecht und ius soli statt statt ein zeitgemäßes Staatsangehörigkeitsrecht auszuarbeiten. Vielleicht gibt es ja irgendwann Einbürgerungstests für Säuglinge! „So kommen wir wieder nach vorne“

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8 Antworten to “Über allen Gipfeln ist Ruh‘”

  1. nachbarskind Says:

    non-EU-osteuropafrauen! yeah! 🙂

    „So will man einerseits die in Deutschland lebenden Ausländer vom Herkunftsland abnabeln, andererseits werden in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern nicht automatisch Deutsche. Ja, warum eigentlich?“

    weil wir hier nicht in amerika sind, schätzken. oder frankreich. anchor babies, anyone? vielleicht ist schon das begehren nach der deutschen oder EU-bürgerschaft überflüssig. es geht doch darum, die unsichtbaren aber spürbaren hierarchien abzuschaffen, die zwischen „staatlich“ gezogenen grenzen und vollkommen willkürlich ausgestellten pässen herrschen – oder? es geht um die horizontalisierung der minderheiten, nicht eine weitere „ich und meine kultur sind besser“-wichs- neuauflage. deutsche leitkultur? ja bitte! aber erstmal lass uns „deutsche“ identität aufrollen…von hinten. konstruktion ist alles, image auch.

    „die verfehlte Integrationspolitik“?

    guckst du, aber ganz dringend; there is a little stoiber inside you:

    talal asad: muslims as a „religious minority“ in europe. formations of the secular. christianity, islam, modernity. stanford, stanford university press.

    seyla benhabib: who are „WE“? dilemmas of citizenship in contemporary europe. the claims of culture. equality and diversity in the global era. princeton and oxford. princeton university press

    ist zwar nicht auf meinem mist gewachsen, aber dennoch große empfehlung.

  2. pavel Says:

    wer spricht denn von leitkultur? es geht nicht um die kreidefelsen auf rügen… dt. staatsbürgerschaft für kinder wäre ein klares zeichen dafür, dass das kind seinen/ihren lebensmittelpunkt in deutschland haben wird – auch eine message an die eltern. und nicht in der türkei oder sonstwo. anerkennung einer tatsache, denn in den meisten fällen wird’s ohnehin so sein. kannste dir einen herumtürkenden teenager vorstellen, der seine „ehre“ raushängen lässt, deutschen pass in der hosentasche (wer bezüge zu majakowskij erkennt, darf sie behalten)?

    und was ist die integrationspolitik, wenn nicht verfehlt? falsche annahmen, falsche maßnahmen, falsche resultate. bissi weniger buzzwords deinerseits, plzkthx

  3. nikakoi Says:

    buzz buzz.

    ja wenn kultur und performanz in der aufnahmegesellschaft mal so leicht zu trennen wäre wie eigelb und eiweiß, dann ok. du hast die erfahrung, ich die theorie, jetzt gehen wir mal vor die tür und „diskutieren“ das aus, freundchen…
    ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass eine integrationspolitik natürlich scheitern muss und du deswegen eben keinen blumentopf mit dieser erkenntnis gewinnst. die frage nach abnabelung eines kindes von der kultur der eltern ist quatsch – wie soll das in der praxis aussehen („nein, das ist jetzt weihnachten, gülüm!“)?? die frage ist hier viel zu essentialistisch (buzzwordschleuder tm): mache ich jetzt türkenstolz und wedel trotzdem mit dem deutschen pass herum? was ist der deutsche pass, irgendein pass – anyway? da würde ich doch erstmal ansetzen.

    klare zeichen zur verortung des kindes im aufzuchtland – herkunft raus, integration rein? hm. ich zieh ne flunsch. v.a. weil sich deine kritik eher an solche leute zu richten scheint, die eben nicht kaukasisch-weiß/“christlich“ im allerallerallerentferntesten sinne/ assimiliert an das wertesystems des westens sind. oder verstehe ich das komplett falsch? i might be wrong und schiebe meinen integrierten kinderwagen über rügener kreidefelsen.

  4. nikakoi Says:

    vielleicht wedeln die türkenboys ja gerade mit dem pass herum, weil es ihnen ein unentschlossener „staat“ erlaubt, ja sie dazu herausfordert?? vielleicht passiert immer auch nur etwas, weil die große verunsicherung herrscht, was multikulti darf und was nicht? wer steckt die grenzen deutschlands ab, wo ist das neue „draußen“?

    von der naturalisierung zur multikulturalisierung, die ebenso ein schuß nach hinten war und jetzt straßenfeste in kreuzberg, ehrenmorde und schlechte berichterstattung bei kulturzeit nach sich zieht. das liberale modell war also auch für’n arsch, genauso wie der zwang, sich anzupassen. ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass in der praxis sich irgendwelche eltern aus „anderen (hüstel) kulturkreisen“ sich zu deutschland bekennen wollen und es tun sollten. was schlösse das ein??

  5. pavel Says:

    scheinbar willst du einfach nicht verstehen, was ich sage.

    ok, was schlägst du denn vor? nicht naturalisierung, nicht multikulturalisierung, was dann? nebenbei, die beiden punkte klappen außerhalb von deutschland wesentlich besser, woran das wohl liegt

  6. nikakoi Says:

    statement:
    scheinbar willst du einfach nicht verstehen, was ich sage.

    question:
    hast du es je richtig erklärt??

    resolution:
    ich glaube, äh, nein. ich hab ehrlich gesagt keinen bezug auf was richtig handfestes in deiner argumentation, wahrscheinlich läuft meine deswegen auch amok.

    actually:
    ich betone an dieser stelle ganz laut, das ich mir das selber nie ausdenken könnte, denn ich stoße auf solche probleme nicht. abba:
    – liberalismus war fein. keine frage. im gegensatz zur anpassung, die immer noch unter dem schönen wort „naturalisierung“ existiert, ist das so genannte multikulturalismus-modell um längen besser.
    trotzdem, und das gefühl ist ja nicht mal subjektiv sondern neonpink am himmel zu sehen, herrschen eine gewisse diskriminierung, ein gewisser unwille/unfähigkeit, sich in deutschland anzupassen und parallelwelten vor. diese sind meiner meinung nach auch in anderen ländern vorzufinden – in den USA ,aber auch solchen vorzeigestaaten wie schweden, deren rassismus sich unter einer kuscheligen daunendecke „Knutsen“ verbirgt. diese diskrepanz, die vorurteile auf beiden seiten zu benennen, werde ich hier nicht tun, das ist sehr viel arbeit. vielleicht brauchst du ja noch ein forschungsthema 😛
    das problem mit multikulti ist aber, dass sich keiner – v.a. nicht in deutschland – unter dem latenten rassismus/nazi-vorwurf traut, MK grenzen zu setzen. ehrenmorde werden verübt, täter berufen sich auf kulturelle codes, die lieschen müller nicht versteht. die sprache ist gespickt mit neo-idiomen aus einwanderersprachen, gleich schreit alles „verfall!“. die täter: von außen. das außen: wo? am rande der EU?
    – naturalisierung: ich kenne diesen begriff nur aus der literatur. so. heißt für mich: sukzessive anpassung. sedimentierung impliziten strategischen wissens (jenseits von rügener kreidefelsen) aus dem alltag in das neue leben. von arbeitsamt bis zahnarztbonusheft. dieser lernprozess kann schwer künstlich angeschoben werden, wenn man nicht wirklich will, nicht wirklich ankommen will. dann lautet die frage: why getting there in the fucking first place? das weiß ich nicht und du auch nicht, wenn doch, bin ich gespannt.
    – prinzip nationalstaat, prinzip „national“kultur. definier mir erstmal staat in all seinen facetten. definiere mir kultur. synthetisiere die beiden. error?
    – welche anreize bietet deutschland, anzukommen. welchen grund habe ich als vietnamese oder türke – oder amrikaner? schwede? – mich in diesem land wohl zu fühlen? zu wem gehöre ich? mit wem verbringe ich meine freizeit? wohin orientiere ich mich?
    – bildung. um sich mit diesen thematiken auseinanderzusetzen braucht es bildung, aufklärung. eine geglückte integration/naturalisierung hat was mit dem bildungsgrad zu tun, mit dem wunsch, auch etwas vom tacit knowledge-kuchen zurückzugeben, symbiosen, usw. aufgehen in der masse – whitening, wenn du so willst. diesen prozess findest du auch in deinen ungenannten vorzeigestaaten.

    ansonsten, bitte mal klar formulieren, was du meinst.

  7. nikakoi Says:

    „[…] there is, in other words, a fundamental human right to exit and as well to seek admission into a political community, a right grounded in the recognition of the individual as an autonomous person entitled to the exercise of rights. the fundamental right to human liberty entails the fundamental right to entry and exit. this fundamental right creates a set of reciprocal obligations and duties upon states – for example, to refrain from preventing the exit of those who want to leave or from completely blocking off those who want to enter. […] this fundamental right of exit and entry is a moral claim and not a legal right, which would or could be defended by established authority with legal, coercive powers.“
    benhabib

  8. nikakoi Says:

    „thus i have been arguing on the one hand that europe’s historical narrative of itself needs to be questioned, and on the other that the historical narratives produced by so-called ‚minorities‘ need to be respected.this apparant inconsistency is dictated partly by a liberal concern that time and place should be made for weaker groups within spaces and times commanded by a dominant one.[…]for where there are only minorities the possibilities of forging alliances between them will be greater than in a state with a majority presiding over several competing minorities.[…]the tradition-rooted practices cannot be translated into the homogenous time of national politics. the body’s memories, feelings and desires necessarily escape the rational/instrumental orientation of such politics.[…]if europe cannot be articulated in terms of complex space and complex time that allow for multiple ways of life (and not merely multiple identities) to flurish, it may be fated to be no more than the common market of an imperial civilization, always anxious about (muslims) exiles within its gates and (muslim) barbarians beyond. in such an embattled modern space – a space of abundant consumer choice, optional life styles, and slogans about the virtues of secularism – is it possible for muslims (or any other immigrants, for that matter) to be represented as themselves?“
    asad

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