naturalize me

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biesdorf ist nicht potsdam.
eine ewigkeit in den berliner osten fahren, laute musik im ohr, die landschaft löst sich langsam auf, die stadt zerfasert am rande. ankommen in einem verkehrs- und lebensberuhigten bereich, einer sicherheitszone ohne gegenwart und vergangenheit, mit eigenwillig-systematischen namen für straßen, die doch nur asphalt sind, auf dem plastikschuhe heuer schmelzen.
schrebergärten, dicke menschen, die ihren freien tag in der woche mit dem schneiden quadratischer formen in strauchgewächse verbringen. blumen, echte blumen am straßenrand. in der ferne staub und ödland mit neubauten.
es treffen aufeinander: russland, slowakei, kasachstan, polen, west- und ostdeutschland. das alles in einem schrebergarten mit terrasse, sonnensegel, steinofengrill, rosen, geräteschuppen. fehlen nur noch die gartenzwerge.
konferiert wird in zwei bis drei sprachen. gegessen werden deutsche brötchen mit russischem auberginenaufstrich, türkische sesamtäfelchen mit mangosaft runtergespült. geschwitzt und gelacht wird transnational.

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wohnheime verlieren recht schnell nach anfänglicher euphorie über ein irgendwie geartetes familien-WIR-gefühl ihren reiz durch den konsequenten mangel an privatsphäre. neben einigen unappetitlichkeiten, die man für den immobilienschleuderpreis hinnehmen muss, wird man auch stets unfreiwilliger zeuge zwischenmenschlichen bäumchen-wechsel-dich-spiels. so gesehen in den nächten, in denen die gemeinschaftszimmer aussterben und platz machen für bandeleien, die man lieber nicht entdeckt hätte.
dass man darüber hinwegsehen soll, ist oberstes gebot; kopfkratzen über die emotionale phlegmatik von menschen, die sich praktisch wie in einem gefängnis miteinander auf gedeih und verderb vertragen müssen, sollte jedoch erlaubt sein.

so gesehen: W war zusammen mit M1 für zwei jahre und wohnte mit M1 zusammen; ganz plötzlich kommt das aus, was meistens den auszug einer der beiden bedeutet – im normalfall. man kann sich auf 18 qm nicht aus dem weg gehen. wenn aber W plötzlich mit M2, dem besten kumpel von M1, händchen hält und plappert nur um sich reden zu hören, nur um echolotisch ihre neue rolle als potentielle gespielin von M2 auszutesten, dann… beziehungen unter bewohnern sind implizit tabu. entweder man hat eine soziale welt draußen oder eben nicht. ein soziales feld innen aufzubauen zeugt meist von kontakt-, sprach- oder finanzproblemen. W hat zwei davon. M2 hat ebenso zwei – mit zunehmendem alter erkennt er z.b. die zynik von frauen, die keinen kerl wollen, der sich tagein, tagaus von trocken brot und gekochten kartoffeln allein ernährt.
beziehungen unter bewohnern sind wie inzest. schwer vorstellbar unter welchen voraussetzungen man das letzte bißchen privatsphäre, in form eines schlüssellochs mit passendem schlüssel, aufgibt. muss schon nachts verdammt einsam sein. W und M2 sind das wohl. M1 hat sich nach einigen tiefs, ausgedrückt in form einer politischen radikalisierung und arbeit bis zum umfallen, mit der situation arrangiert.
W und M2, viel glück auf dem neuen weg. ertragt die verwunderten blicke mit würde. ertragt die baldige langeweile und das abnutzen des reizes im pathologischen alltäglichen mit fassung. es geht mich ja eh nichts an – but there’s no distance left to run.

lasst isländische poeten sprechen:
„deine augen
so rein
so klar
so vollkommen.
deine augen
sind ein spiegel
wie der himmel.
deine augen
sie spiegeln auch mich

– und wie gut ich in ihnen aussehe. –

N.N.

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