meat town

by

Kjötbærinn
– Die Fleischstadt-

Von Kristín Eiríksdóttir

Kristín Eiríksdóttir wurde 1981 geboren.
Sie studiert Malerei an der Kunsthochschule Islands.
Kjötbærinn ist ihr erstes Buch.
Raw translation from Icelandic by nikakoi
Un-courtesy by Bjartur ehf. Reykjavík 2004
S. 10-26
Die Zeichen deutlich. Die Stehlampe flackert. Gewürze bedecken den Küchenfußboden. Das Radio geht von selber an und geht stotternd aus. Die Deckenlampe flimmert. Die Elektrizität wird sichtbar, hauchdünne Neonfäden winden sich durch das Zimmer. Eine Kleinanzeige in der Zeitung wird dreidimensional:
                                           Die Fleischstadt bittet um Feueropfer.


Versucht sich ein Yak vorzustellen, schließt die Augen konzentriert und versucht sich ein Yak vorzustellen. Kalvin hat noch nie ein Yak gesehen. Wie sehen Yaks aus, wie bloß? Wie bewegen sie sich, wie bloß? Wie nichts, nichts ist wie keines.
Er kneift wieder die Augen zu und seufzt. Allesinordnung Kalvin. Sie werden aus Neon gemacht, daher bekommen wir Neon, wir machen aus ihnen Werbetafeln und Textmarker. Man braucht nur einen Tropfen um eine ganze Metropole zu beleuchten so dass du dir genau vorstellen kannst wie ein ganzes Yak leuchtet. Sie bewegen sich in einer Reihe und es gibt sie in mehr Farben als du jemals sehen wirst, in Farben die deine Augen nicht mal wahrnehmen können. Stell dir vor über ihrem Lebensraum in Alaska zu fliegen und dass du dort eine Yakherde aus der Luft sehen könntest.
Sie klammert sich im brennend heißen Nackenhaar fest, das Yak schnaubt und heult abwechselnd. Noch vor ein paar Tagen durchstreifte es die Ebenen auf der Suche nach der Herde. Der Schritt tut ihr weh, das Neon wird nicht vermeidbar sein, es scheint durch die Augenlider, bald wird sie das Augenlicht verlieren, und es niemals wiedererhalten. Das Yak wird niemals aufgeben, niemals sterben, Yaks werden weder geboren noch sterben sie, sie sind einfach nur auf den glänzenden Ebenen. Ihr Schicksal ist entschieden. Das Gerippe galoppiert vollkommen blind auf dem Rücken der Kreatur eher zusammengestampfte brennende Knochenstummel im flammenden Nackenhaar.
Ich und Kalvin wohnen auf der obersten Etage im Neubaublock. Wir wohnen in einem Zimmer mit einem kleinen Fenster das zum Hinterhof hinaus öffnet. Gegenüber dem Hinterhof ist ein weiterer Neubaublock. Das Fenster des gegenüberliegenden Blocks steht in direkter Sichtlinie zu unserem Fenster. Wir können in es hineingucken aber dort wohnt ein ekelhafter Perverser der das Böse mit einem besonderen Elektrogerät zu uns hinübersendet. Die Wände im Zimmer sind aus Beton, rosa bemalt, der Teppich weiß mit Flecken. Nichts hängt an den Wänden keine Bilder keine Plakate seit Kalvin die Heavy Metal Plakate letztes Wochenende abgenommen hat, dachte es wäre ihre Schuld dass ich so schlecht träume ob nun schlafend oder wachend. Ich weiß dass es nicht die Schuld der Plakate war aber war trotzdem froh dass er sie abgenommen hat. Ich war so oft drinnen und war all diese Eingeweide, das Blut, die Frauen mit gespreizten Beinen und Zeichen des Todes leid um nicht zu sagen unsagbar leid. Das Beste ist die Wände leer zu haben. Ich heiße Kata und bin blass vom vielen drinnen hocken, einsam weil ich soviel drinnen hocke Gesandte der Wahrheit mit schwacher Vorstellungskraft jung und verliebt. Das Zimmer ist viereckig, der Teppich fleckig und in der Mitte kahl. Die Wände leer seit Kalvin die Plakate abgenommen hat.
Mein Schädel ist von innen tapeziert, eine Million verschiedene Muster die mich manchmal wahnsinnig machen. Eine Million Muster und du bist eines davon Kalvin, das nervigste Muster, das Muster das am wenigsten passt. Deine Messer sind gut geschliffen perfekt behandelt. Du legst das Handtuch auf das Bett, lässt deine Hosen runter, singst:
– i am human and i need to be loved just like anybody else does –
Das Blut gefriert diese Cowboystiefel sind voller Dreck diese Unterhosen schmutzig. Schlaf dich aus mein Liebster. Deine Träume so tief vergraben, so gut versteckt in deinem Schädel so dick und schwer dass ich nur ein Ereignis mitbekomme; eine Kettensäge sägt Stahl winzig kleine Soldaten laufen über den Berg mit Rekordgeschwindigkeit versinken einer nach dem anderen mit den Füßen im Gletscher. Die Kompanie rennt durch das Walddickicht und fliegt nach oben in ein Loch im Himmel hinein das sich gerade schließt.
Atonaler dunkelblonder Dunst. Gehe seltenst hinaus, bin meistens alleine. Tanze Skottís mit der Stehlampe, zeichne Bilder von Kalvin und mir und der Stehlampe, schieße kleine Vögel mit der Steinschleuder aus dem Fenster, esse Haferflocken mit Nutella höre Platten amüsiere die Gespenster zertrümmere irgendetwas sage selbst gemachte Gebete auf bis ich Schaum vor Mund habe bekomme einen Schlaganfall liege eine Weile wie tot da aber gewöhne mich schnell wieder daran dass ich noch am Leben bin. Kalvin arbeitet von morgens bis abends. Er muss einen orangenen Overall mit Reflektoren tragen Schweißerhelm und Kettensäge oben auf der Ölplattform dem Unwetter den ganzen Tag ausgesetzt und könnte ganz plötzlich ein ganz anderer sein. Das ist traurig denn am liebsten wäre Kalvin ein knallrosa Blitz an einem sonnigen Tag der Anthrax-Lieder singt und niemals aufhört.
Sitze auf dem Fußboden und höre die Heavy Metal Platten von Kalvin. Draußen scheint die Sonne aber ich habe sie hinter einem mottenzerfressenen Laken versteckt. Kalvin kommt nach Hause nach zwei Stunden mit Fisch und Kartoffeln die er dann auch gleich kocht. Vielleicht auch eine Flasche vielleicht auch nichts vielleicht kommt er heim und schlägt vor dass wir essen gehen sollten, versucht mich zu zwingen rauszugehen. Ich muss es ablehnen, ablehnen rauszugehen. Er wird wütend und gibt dann auf und holt Macdonaldsessen. Er kauft mir einen Fischburger, ich nehme den Fisch aus dem Brötchen und esse ihn mit der Sauce aus dem Kühlschrank, die Fritten ersetzen die Kartoffeln aber ich habe mal gehört dass sie wenigstens aus Kartoffelmehl oder irgendeinem Pulver hergestellt werden. Die rosa Wand fängt plötzlich an Wellen zu schlagen und mir scheint als ob ein Mensch sich durch sie durchdrängen will zu mir. Die Sonne scheint durch die Löcher im Laken und hinterlässt kleine Flecken auf der Wand. Plötzlich schmilzt sie wie eine Lavalampe und aus ihr schießt ein menschlicher Klumpen, rosa mit Lichtflecken gesprenkelt.
Manchmal passiert alles viel zu langsam. Ich fange an Kaffee zu machen und so vergeht ein ganzes Menschenleben bis er fertig ist, ein ganzes Leben eines Menschen der nichts anderes kann als leiden und nach einem schweren sterblichen und schrecklichen Todestag sitze ich dir gegenüber mit einer Kaffeetasse Kalvin und ein zweites Menschenleben beginnt, ein weiteres grausames Leben das vergeht bis dass du mir die andere Hälfte der Zeitung anbietest und ein drittes bis du dir eine Kippe anzündest und diese ganzen toten Leuten aus ihr herausdrängen mit den Ätherwellen und versuchen ihre Tode in mich hineinzustopfen und sie machen das wirklich mit mir Kalvin. Es sollte eine Grenze geben wie oft ich den Tod erleben kann. Manchmal erlebe ich viele Tode auf einmal und denke dann das Herz müsste versagen die Knochen zerbersten. Ich sitze am anderen Ende des Tisches Kalvin und erlebe zitternd die Tode einer ganzen Schiffsbesatzung als ich ganz plötzlich aufstehe ohne dass ich das selbst entscheide und fange an ein Lied zu singen das ich noch nie gehört habe eine Stimme die mir unbekannt ist:
„ Am Abend am Strande
Auf dem Stein beim Strome sitzt sie
Und die blauen Augen starren
Hinaus auf den äußersten Rand des Meers
Und um den Mund
Murmelt es den immer gleichen Vers:
Lieber Gott, kommt denn heute kein Schiff mehr?

Sie hatte einen Mann der fuhr auf See
Und brachte den Fisch nach Haus
Sie sind  gewiss im Sturm ertrunken
Wir werden sie nie vergessen
Aber seitdem ist sie sonderbar
Und singt diesen Vers:
Lieber Gott, kommt denn heute kein Schiff mehr?

Viele Jahre lang
Trauerte sie um ihren Mann
Und sah irgendein Schiff dahersegeln
Sie glaubte nun käm er heim.
Und alle hier im Dorf
Kennen nun diesen Vers:
Weshalb ließt du lieber Gott
Heute kein Schiff mehr kommen?“
Während ich singe sehe ich nur Konturen, dachte ich bekomme einen Schlaganfall und du lächelst nur Kalvin. Du wohnst in deiner Haut in dir Kalvin wohnst in deinem Fleisch in dir du.
Kalvin versteht nicht länger wann ich über Träume spreche und wann über das was passiert während er nicht zuhause ist, sagt ich spräche wirres Zeug und sei realitätsfremd. Er hat aufgehört direkt von Arbeit nach Hause zu kommen, ich habe wieder angefangen meine Knie anzunagen. Die Fleischstadt hat sich mir tief in den Kopf gefressen ich überlegte ob sie ein anderes Feueropfer gefunden haben, ob sie überhaupt ganz sicher nicht mich damit gemeint haben. Seit ich die Kleinanzeige gesehen habe haben sie mich nicht in Ruhe gelassen, sie wollen mir irgendwas antun und ich weiß nicht was. Ich verstehe ihre Zeichen nicht.
Im Dunkeln ist das Zimmer größer. Wenn ich alleine auf dem Fußboden liege und kettenrauche in der Dunkelheit dann ist es riesengroß. Außer mir und dem Plattenspieler, den Platten, dem Radio, den Leitungen, den Stühlen, dem Tisch und all dem anderen Kram ist es ein völlig leerer Raum wo einfach nichts passiert. Ich drück die Kippe aus schließe die Augen und sehe schwarz. Da erscheint sie mir die Giftnatter die sich in den Schwanz beißt, glänzend weiß und sich durch die Luft windend, das Perlenhalsband. Als es entzwei geht und seine hundert Perlen auseinander fallen bin ich selbst in jeder einzelnen mit dem Schmerz.

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