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[headline sellz!]
Unser beliebtes Online-Jugendmagazin spiegel.de hat etwas äußerst erquickliches hervorgebracht: ein Protokoll einer Schulstunde mit dem ersten Dr. Sommer der BRAVO! Der 79-jährige Herr gab 10.-Klässlern in Sachen Aufklärung, äh, Hilfestellung.
Das Protokoll ist beim ersten Lesen witzig, erinnert doch zu sehr an die eigenen verschämt-verschwiegenen Biologiestunden, Schwerpunkt Sexualkunde. Auffällig wird aber irgendwann das allseits betretene Schweigen der Schüler. Da sollen sie Synonyme für männliche und weibliche Geschlechtsteile aufsagen und anschreiben – kaum einer reißt sich um die Aufgabe, obwohl auf dem Pausenhof bestimmt 20 verschiedene Wörter täglich erfunden werden. Ein Schüler erklärt unbeholfen und mit viel eingestreutem „irgendwie“ die hohe Praktik des „Fingerns“ – aha. Den Rest der Zeit redet Herr Sommer übers Blasen, Blumen und Bienen (ja, wirklich!) und Befriedigung. Die Schüler sind mental wohl schon unter den Tischen vor Scham, dabei ist das doch alles totaaaal locker und modern und jugendlich und so. Oder?


Mit Besorgnis haben nicht nur führende Jugendmagazine sondern auch die staatlichen Gesundheitsinstitutionen festgestellt, dass das Wissen um sexuelle Aufklärung sowie Verhütung  unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen drastisch nachlässt, während fast jede( r ) heutzutage weiß, wo man im Internet einen guten Porno angucken und bestellen kann. Man weiß, was mit Rosette gemeint ist, kann aber die Freundschaft zum besten, schwulen, Kumpel nicht mehr verteidigen; man weiß, wie viele weibliche Körperöffnungen kopulierfähig sind, aber das System der fruchtbaren Tage der Frau ist selbst im Zeitalter von eingefrorenen Embryonen noch immer so mysteriös wie, äh, schwarze Löcher. Befriedigend? Naja, das war wohl ungenügend.
Der Dr. Sommer ist 79 Jahre alt. Wenn wir also mal zurückrechnen, wann, rein imaginär, sein sexuelles Interesse Ausdruck fand (schätzungsweise zwischen 15 und 16 Jahren), dann war das wohl kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Bis zur sexuellen Revolte in Gesellschaft und Schlafzimmer sollten aber – bis 1968 – noch mehr als 20 Jahre vergehen. Dr. Sommer war da schon ein alter Hase von 40 Jahren und erklärte den Neulingen jetzt die Regeln im Hasenstall.
Damals muss das wohl revolutionär gewesen sein – sexuelle Aufklärung! Du bist nicht allein! Ob zu groß, zu klein, zu schnell, zu langsam oder eben gar nicht (größte Sorge), alle Fragen wurden wohlwollend und vorurteilsfrei beantwortet. Schön auch, dass damals in den Anfangsjahren der Beratung und Aufklärung die Welt eine eher simple war, also boy meets girl, et al. Das Vokabular war trotz der Freiheiten beschränkt auf das Allerwissenswerteste, das jedoch schon lange sehnsüchtig-lauernd unter den Bettdecken v.a. westdeutscher Jugendlicher dahinschmorte (was haben eigentlich die Ossi-Kids gemacht? Waren Bienen und Blumen schon zu transzendent für den Sozialismus?). Irgendwann kam es dann zum GV, wie das so pragmatisch-preußisch heißt. Damit waren dann wohl alle Fragen am affektiv gebundenen Übungsobjekt geklärt, bzw. ließ sich im Laufe der Zeit auch noch neues entdecken.
Irgendwann kamen dann die 80er. Das Experiment 1968 war mutiert von Gänseblümchenketten auf sonnengebräunter Haut zum Diktat des multiplen Orgasmus in Lackunterwäsche. Die Technik entschied über den eigenen Aktienkurs am Markt. Der Terminkalender voller Nummern, der Kopf voller urbaner Riten des Balzens. Wenn man so die sexuelle Entwicklung der Gesellschaften betrachtet, schwingt immer schnell der moralische mit, in den Neunzigern lebten dann auch schnell alternative Praktiken auf, es kam zu Tantra-Kursen und dem endgültigen Tod von Sex in den Medien, alles jedoch für die Aufklärung einer scheinbar immer noch hinterwäldlerisch auf Heuboden und Rücksitzen rumfummelnden Gesellschaft.
Der Sex zog sich zurück ins Private und in die Hinterzimmer einschlägiger Videotheken. Wenn alles geht muss auch nichts mehr. Mittlerweile leben wir im Postmillenium und Menschen in amerikanischen Spielfilmen lassen ihre Unterwäsche an, wenn sie miteinander schlafen.
Irgendwie scheint eine große Masse an Menschen an kollektiver Impotenz zu leiden. Es geht nicht um den Akt alleine – das Problem ist, dass „irgendwie“ (da ist es wieder, dieses Jugendwort, das alles relativiert!) der Genuss bei der Sache fehlt. Kinder, Spaß sollt ihr haben. Statt Neugier auf Sex erleben die meisten den großen Hänger durch einen unkompensierbaren Druck, alles zu können und alles richtig zu machen. Die Fragen des „Bin ich noch normal?“ richten sich auf die gekonnte Vermarktung von Körper und Wissen, keiner will IRGENDWIE  wahrhaben, das alle IRGENDWANN mal anfangen müssen, und dass das nicht gerade aussieht (und sich anfühlt), wie das in Vorabendserien unterm Skalpell des Weichzeichners dargestellt wird.
Da verwundert es auch nicht, dass keiner bei der Schulstunde mit Dr. Sommer – einmalige Gelegenheit! – über Versagen und Unzulänglichkeiten reden will. Heimlich spart die eine oder andere lieber für die neuen Brüste. Probleme sind was für Schlappschwänze und frigide Zicken. Und, IRGENDWIE, ich mag altmodisch sein: Liebe? Ich weiß, das L-Wort. Vielleicht kommt man da der Spaß-Skala auch wieder etwas näher, also Spaß nicht in diesem totalitären Sinne, sondern die ursprüngliche Lockerheit und das Interesse am Ausprobieren ohne ökonomisch messbare Ergebnisse („War ich gut?“) hervorbringen zu müssen oder überhaupt zu wollen.
Der Klassenprimus mit dem am besten kompensierten Schamgefühl sagt, er würde es niemandem erzählen, wenn er schwul wäre. Vielleicht wäre er dann auch in einigen Gegenden Deutschlands schon am nächsten Morgen nicht mehr am Leben. Die Gesellschaft, um bei Dr. Sommers luftigen Bildern zu bleiben, schließt sich wie eine Blütenknospe zusammen. Die sexuelle Revolution hat zwar die queere Bewegung sichtbar gemacht, jedoch ist Sex offenbar noch immer strikt heterosexuell. Schwullesbische Formate sind im Nachtprogramm (mit Hochglanzoptik), als handzahme Lindenstraßen-Version oder als tragisch-neurotischer Sidekick zu finden. Zu mehr hat es an Akzeptanz nicht gereicht, Schwule sind schuld an der Ausbreitung von AIDS und flacher Fernsehformate die immer irgendwas mit ABBA, Hochzeiten oder Mode zu tun haben. Jaja und gähn. Vielleicht ist es auch der zusammengestauchte Neid auf die Vielfalt der Praktiken, die der Erfindungsgeist hervortreibt, wenn eben nicht abgesegnete Muster abgespult werden und ein anderes Sexual- und Befriedigungskonzept erschlossen wird, das aus dem üblichen Rahmen fällt.
Das Gespräch (oder Schweigen?) der Schüler mit Dr. Sommer zeigt, dass Sexualität wieder tief in das private Urgestein abgedrängt wurde. Vielleicht sind einige Themen heute wirklich überflüssig geworden. Beinahe verklärt wirkt Onkel Sommer, als er vom Streicheln einer Bauchdecke redet. Ach das waren noch Zeiten. Man konnte mit den Eltern zwar nicht über Sex reden, aber man hatte ihn irgendwann. Heute reden die Eltern auch nicht über Sex, die Ängste der Kinder und den Overkill der Körperbilder schieben sie auf Medien und Schule ab, Sex haben die Kinder dann trotzdem, IRGENDWIE. Oder es herrscht das andere Gegenteil: Eltern, die den Sex vor den Kindern leben, also eher im post-hippie-Status, und den 15jährigen verantwortungsvoll Verhüterli in die Hand drücken um genussvoll privat weiterstöhnen.
Fakt ist, dass jeder Sex haben soll, ja, jeder muss Sex wollen, sonst stimmt etwas nicht. Selbst Salatmayonnaise lässt sich so verkaufen. Von allen menschlichen Grundbedürfnissen ist Sex jedoch das am ehesten verzichtbare, weit vor Hunger, Durst und Schlaf. Wenn man keinen Sex hat, stirbt man nicht, von Hunger, Durst oder Schlafentzug jedoch schon. Immanuel Kant hatte z.B. nie Sex und das schlägt sich auch teilweise in seiner Ausdrucksweise nieder.
Fakt ist, Sex ist heute das langweiligste der Welt, weil endlos reproduziert, tausendmal gesehen und doch nie richtig gehabt, man steht mit dem Fuß nur auf der halben Treppe und kommt nicht an. Neugier auf Körper und Gefühle ist ersetzt worden mit Druck, Apathie und Hemmungen, die sich gar nicht mehr in fünfstelligen Kubikmeterzahlen ausdrücken lassen. Man kann prinzipiell alles falsch, aber eigentlich nichts richtig machen. Dauerberieselung hat die öffentliche Erregung so breitgelatscht, dass sie auch keiner mehr vom gesellschaftlichen Asphalt abspachteln möchte.
Dr. Sommer fragt nach Tabuthemen. Die Schüler drucksen rum, naja, Schwulsein, sexuelles Versagen, usw., der übliche Kram. Sexuelle Erziehung ist das nicht, ein bisschen Nähkästchen mit Kumpeleffekt höchstens. Frag doch mal: Wie definiert man Vergewaltigung? Warum gibt es Kinderschänder? Warum kann man für Sex Geld verlangen? Und neben solchen tatsächlichen Tabuthemen, die die meisten Leute Zeit ihres Lebens nicht beantworten können, kann man ja auch mal solche stellen: Wie macht man Kinder? Wie rede ich über Gefühle? Was ist Moral? Stattdessen darf man in allen Schulformen nur Unterleibe aus fleischfarbenem Plastik aufklappen und zwischen Gedärm die Prostata und die Eierstöcke suchen. Gerne erinnere ich mich auch an die Tampon-Vorführung einer Biologielehrerin vor 11-bis 12-jährigen, ähem, Kindern. Ob sich die anwesenden knallroten Mädchen mit den trostlosen Fakten der Natur glücklich angefreundet haben, ist nicht weiter bekannt. Aber aufgeklärt abgeklärt ist eben alles.

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