musik für eine andere wirklichkeit

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Ein Zufall brachte eine Blumfeld-Platte zu Tage: Testament der Angst, Kompositionen über den Zustand wenn nichts mehr weitergeht und dann ist man plötzlich durch damit.

Testament der Angst kam heraus als ich 16 war und ich L-I-E-B-T-E Blumfeld, als Rettung aus der Kleinstadthölle, als Distinktionsmittel, mein Intellekt vs. deiner. Ärzte gegen Blumfeld, Tote Hosen gegen Blumfeld, Fanta Vier gegen Blumfeld.
Ich habe Blumfeld damals zweimal live gesehen in der kleinen Stadt und es war nie umwerfend. Blumfeld-Konzertgänger wippen ein wenig mit dem Oberkörper und gehen höchstens aus sich raus bei
a) Tausend Tränen Tief (Klammerblues für Paare)
b) Verstärker (Kopf ab und rauf in die Luft).

Und doch war es unglaublich, ein ganzer Saal voller Blumfeld-Fans, es gibt so was wie eine Hoffnung, denkt man da, man ist aber nur 16 und muss aber am nächsten Tag in die Schule und auf all diese Freiheiten noch bissi warten.

Wer Blumfeld hörte hatte in einer kleinen Stadt schnell Feinde. Wer Blumfeld hörte, wäscht auch der Deutschlehrerin Sonntagnachmittag das Auto. Wer Blumfeld hört, trägt hässliche Brillenmodelle. Blumfeld machen Kopfmusik mit Texten und zu Blumfeld kann man nicht tanzen.
Ich hörte stur Blumfeld. Eine, wie ich jetzt weiß, schimmernde Ahnung von großen Gedanken, die es in der kleinen Stadt nicht zu finden gab. Eine Ahnung eines wirklich besseren Lebens das man dann eines schönen Tages hinterm Horizont beginnen würde zu leben.

Leben tauschen sich nicht aus. Man nimmt sich ja immer überall hin mit, was für ein Manko der Physik.

Ich will die Wahrheit sagen, darf ich ganz offen sein, ich will Prozac haben.

Mit 16 wollte ich endlich 30 sein, die ganze dumme und überflüssige Jugend überspringen, das Erlernen von Kultur- und Sozialtechnik ausklammern, weil das alles großer Quatsch ist. Ich wurde nicht 30, ich verließ aber die kleine Stadt und seitdem wollte ich auch nicht mehr 30 sein. Auch die Kultur- und Sozialtechniken werden wieder aufgenommen, alte archaische philanthropische Traditionen, nicht ohne immer wieder Zweifel zu hegen:

Ich will nicht in eurer Logik leben.

Und geil, endlich bin ich wirklich alt genug, um Blumfeld zu hören. Selbst Schuhe binden wird zum religiösen Akt. Endlich ist das vorausgenommene Denken der Jugend das des jungen Erwachsenenlebens, endlich füllen sich die Zeichen mit Inhalten, endlich darf man auch komplexe Gedanken ohne störende Eingriffe von außen genießen.

Ich will Gewissheit haben.

Es gibt viele tolle Blumfeld-Lieder. Vielleicht ist Testament der Angst kommerziell und poppig (jaja, Todesurteil), aber Graue Wolken und Anders Als Glücklich sind schon voller lyrischer Perlen auf eine Schnur gereiht. Anders Als Glücklich dabei als das persönliche große Lexikon, ach was leiden wir alle an der Welt. Graue Wolken als das große komprimierte Denken in entleerten Strukturen. Endlich ergeben die Worte einen Sinn, kein wütendes Protesthören mehr unter dem Stereokopfhörer, nein, selbst Distelmeyers Liebeslyrik hat Füße bekommen und führt mich mal kurz rum.

Da hatte man Blumfeld selber schon abgeschrieben, hämische Glückwünsche zum Abschied der Band kamen – natürlich – aus der kleinen Stadt. Texte in eine neue Lebensphase rübergerettet und dann hört doch von mir aus Tote Hosen in der kleinen Stadt. Mir auch egal.

In 7 Jahren bin ich 30. In ihnen auch ein Stück von mir zu sehen.

Vielleicht ist das schon viel. Vielleicht wird das auch alles sein.

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