ohne titel

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Ein Thema, das mir schon länger im Kopf herumschwirrte, bis jetzt jedoch nur stückchenweise realisiert wurde. Es ist ein Fragment geblieben.
Is it bullshit? Discuss!

Seit etwa einem Monat schwemmt immer mal wieder Nazi-Müll vor meine Füße. Fest der Völker, diskutierende Inder in meiner Küche nach den Überfällen in Mügeln, Eva Herman ist die Braut Satans. Danach diskutiert Deutschland wieder heftig, es werden Themensendungen einberufen, es werden Experten zusammengetrommelt, mit Fahnen und Signalhorn soll da die latente Friedfertigkeit des gemeinen Teutonen nachgewiesen werden: nee echt, so schlimm sind wir nun echt nicht, dass sind immer nur wieder dieselben. Böse Jungs aus Ostdeutschland, die weder eine Perspektive haben, noch wissen, wie man „Perspektive“ richtig schreibt.
Es ist so schön lässig, den schwarzen Peter irgendwelchen namenslosen, uniform infizierten ostdeutschen (nettes Adjektiv) Jugendlichen zuzuschieben. die, prekär, verroht und überfordert mit den Ansprüchen einer hysterischen Gesellschaft die Buhjungs der Nation verkörpern, das Übel, das man vielleicht mit viel Pflege und Liebe aus einer braunen-roten Wurzel zur blühenden Landschaft züchten könnte. Insgeheim war damit wohl jeder froh, das Problem erkannt, wenn auch nicht langfristig gelöst zu haben.


Neonazis als ledigliche Jugendproblematik in vor allem ökonomisch und entwicklungs- sowie gesellschaftstechnisch benachteiligten Regionen Deutschlands abzutun, trägt dem Zulauf, den rechtsradikale Gruppen verzeichnen, nicht Rechenschaft. Erstaunlich ist immer wieder das bildungsbürgerliche Ideal, das vor der rohen und ungefilterten Aggressivität der jungen und auch älteren Neonazis die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Wie kann man sich bloß dazu bekennen? Und dann machen wir eine Dose zerkaute Geschichtsnachhilfe-Unterricht auf, die so fade und lebensfern ist, dass es auch allen anderen, den selbsternannten „Guten“ und Tugendsamen, schlecht wird davon. Alleine mit einer Gegendarstellung „so war es jetzt aber wirklich“ kommt man, wie man mittlerweile leider weiß, bei den jungen Braunen nicht weiter; ebenso verlaufen sarkastische, verbale oder tätliche Angriffe, z.B. bei Demonstrationen, im Sande. Traurige Bilanz deutscher historischer „Sensibilität“: die NPD und DVU gehen in Landtagen ein und aus, es gibt jedoch bis heute keine funktionierende und etablierte Ausländer- oder Migrantenpartei in der BRD. Integration verfehlt beständig ihr Ziel gegenüber der wachsenden Komplexität menschlicher Lebensentwürfe, an Hitlers Geburtstag darf jährlich vor allem in kleinen Ortschaften gezittert werden, Hetzjagden und angezündete Häuser, öffentliche Parolen der Dummheit sind bald verschluckt im Schlund des sich drehenden Medienkarussels.

Was dabei hinten runterfällt, scheint mir, ist eine nicht wirklich debattierte Kollision des Bildungs- und Entwicklungsniveaus der Meinungskontrahenten, also rechts gegen Mitte und links in allen Schattierungen. Der Hass, den die Neonazis auf alles „Artfremde“ haben, ist für ihre Gegner vollkommen unverständlich. Nazis sind für sie wie ein krankes und überreiztes Immunsystem voller überflüssiger Allergien auf harmlose Stoffe. Man will sie deswegen auch „kurieren. Es braucht jedoch vielleicht keine Iris Berben, die medienwirksam Anne Frank vorliest – die Nazis werden zuhause bleiben oder jemanden anderes aufmischen, so der trostlose Fakt. Überhaupt wird die Frage, gegen wen sich der Hass der jungen Braunen richtet, selten gestellt: gegen die Juden? (Die weit weit weg in den Städten wie Tropenfalter zu suchen sind?) Die „Ausländer“? Diese umfassende Bezeichnung ist ein Synonym geworden für eine neue Klasse, ein Parallelsystem, das auch von vielen „tugendsamen Bürgern“ als fremd, anders und sogar bedrohlich empfunden wird (bedrohlicher als ein Glatzkopf mit Bomberjacke und Baseballschläger?). Angehörige dieser Klasse sind primär – und mehr meist auch nicht –  geeint durch eine dunklere Hautfarbe oder einen Akzent im Deutschen, die instinktiv beim Teutonen für Abgrenzungstendenzen sorgt – all das will man nicht sein, sich nicht damit identifizieren, nicht solidarisieren und auch nicht akzeptieren. Wir sind Deutschland? Vergiss es.

Der humanistisch vorgebildete Bürger kann das alles gar nicht glauben und startet Initiative nach Initiative. Zündet Mahnkerzen gegen brennende Asylantenheime an, fasst sich an den Händen gegen Gewalt und schweigt sich aus im Namen der Bekämpfung verbaler Diskriminierung. Ist das noch zeitgemäß? Nicht  zu knapp hätte man oft Lust, einen motivierten Mob mit Heugabeln und Fackeln die braune Sau durchs nazifizierte Dorf jagen zu lassen. Stattdessen Fäusten in den Taschen und verkniffenen Lippen und bei den meisten auch: verschlossenen Augen.
Der „Spiegel“ beschrieb es vor kurzem als die Erschaffung einer Phantasie-Welt: Anne Frank trinkt mit dem verrückten Hutmacher Tee und der Bildungsbürger trinkt ein Tässchen mit, schimpft über den Pöbel in ostdeutschen Dörfern und lässt seinen Visionen über die DDR-Erziehungsmethoden freien Lauf. Das Unbegreifliche ist für ihn die Rückständigkeit und retrospektive Entwicklung von Neonazis, es ist das sich-Einnisten im Bewährten, das Herausheben der Gewohnheit, und die Betonung des Alltags. Alles Neue ist eine Provokation und Aggressionen machen sich Luft an denen, die einerseits nicht ins ideologische Weltbild passen und andererseits  subjektiv als störend empfunden werden, eben all jene Langhaarigen und „Zecken“. Die Welt des kleinen braunen Protospießers ist aus den Fugen geraten und muss mit Blut und Schädelsplittern gekittet werden.
Sie genießen dabei die Unterstützung vieler gesamtdeutscher Glücksritter, die beim Umgraben der Kartoffeln gerne an die Heimat denken und es „irgendwie gut“ finden, dass Deutschland hart gegen „Integrationsverweigerer“ vorgehe. Der Bildungsbürger fasst diese Gruppe gerne zusammen als die Verlierer der Globalisierung, auf die man mitleidig über den Rand der französischen Ausgabe des „Kleinen Prinzen“ hinüber weglächeln kann. Die eigenen Kinder gehen auf ein humanistisches Gymnasium und hören Bob Marley, die Tochter will nach dem Abi nach Bolivien. Puh, Glück gehabt. Oder?
Der verrückte Hutmacher klopft an und stellt seine Kampagne zur Fußball-WM 2006 vor, „Du bist Deutschland!“, ich bin aber ein Kaninchen und laufe schneller. Ein paar sonst so patriotische Verklemmte machen sich den oberen Knopf des Polohemdes auf und atmen frei durch, der Bildungsbürger warnt vor einem unreflektierten Nationalismus, der durch den Sport kanalisiert, emotionalisiert und verstärkt werde – und  ruft ein bisschen leiser nach seiner bornierten politischen Korrektheit, weil er heiser ist vom „TOOOOR!“-Brüllen. Was ist los in diesem Land? Wo sind MIA? Wo ist die Liebe, wo der Verstand, die irgendwelche bescheuerten Spuren im Sand hinterlassen sollten?
MIA sind in den Lautsprechern der NPD-Demonstrationswägen gelandet, die Liebe samt Verstand haben wir den Neonazis überlassen als nationales Erbe eines zerstückelten Landes, das bis heute nicht zusammengewachsen ist und wo die Herkunft auch innerhalb weiterhin eine unfassbar große Rolle spielt. Eva Herman und die neonationalsozialistische Parteien bekommen die ungeteilte Medienaufmerksamkeit, während der Steuern verschlingende Dämon namens ausländische Parallelgesellschaft zurückgedrängt ist auf Trommeln beim Stadtteilfest, Imbissbuden und die Affinität des Bildungsbürgers zum „Exotischen“. Man reibt sich großpolitisch und schnurrend an den Vereinigten Staaten, während der Pöbel zur Abwechslung  ins Poolwasser vor spanischen Stränden pinkelt und bis heute nicht kapiert, dass man da auch zum Ausländer wird. Die Welt ist verteilt, aber das haben Marcel, Ronny und Maiko immer noch nicht mitbekommen. Ihre Welt soll bleiben wie sie war. Dafür kämpft jetzt auch Eva Herman in der Truppe, im rosa Camouflage-Kostüm.

I’m illegal
Means just
I am not paying taxes?

Hausmeister und nikakoi informieren: http://www.thisisenglandmovie.co.uk/#

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Eine Antwort to “ohne titel”

  1. Jenna Says:

    Gr, gr, da knirschen die Zähne… Fäuste ballen, ja klar, Mob jagen, äh, heute nicht.

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