faust, eine fragödie

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Hier eine Rezension für die Anne, weil sie so nett darum gebeten hat. Wenn ich mich nicht irre.

Schwedter Höfe, Prenzlauer Berg (wo auch sonst), Generalprobe („48, 2% sind schon geschafft eine Woche vor Premiere!“) einer Münchner Theatergruppe zum „Faust“. Beklatschungskulisse alias Publikum wurde in zahlreichen Bussen herangekarrt, imaginäre Schnittchen lagen verstreut herum auf ebenso imaginären Silbertabletts und den Champagner ersetzte abgestandenes Mineralwasser. Zum Sitzen laden der nackte Boden und Holzkisten ein, die Stühle reichen gelegentlich nicht mal für die Zuschauer aus, da sie als Requisite dienen. Nein, eine pompöse Bayreuther-Hügelgrab-Inszenierung des Faust wird das hier sicher nicht.


Da steht er nun der Tor und ist vorher auch schon genauso klug gewesen. Faust als ostdeutsche Quotenfrau, mit gelben Segeltuchschuhen und einer „Phiole“ aus Plastikflaschen und Gaffatape, bange Worte, Furcht und Pein hinter dem goldrandigen Kassengestell von Fielmann. Der neue Mensch sei Faust, einer, der an sich selber zunächst scheitert und in asthmatisch ausartenden Sprechpausen die Sinnfrage seines gelehrten Lebens stellt – wozu forschen und wissen, wenn es doch nur unglücklich macht? Abhilfe schafft allein der Teufel, der, vorerst klassisch, auftritt und seine Sprüchlein hervorbringt – durch seine Unachtsamkeit wird er jedoch zum gefangenen des Warmduschers Faust. Alle Wünsche soll er erfüllt bekommen, dafür nur seine kleine Magisterseele opfern. Aha, denkt man, da schimmert er schon, der neue Mensch. Bis dann das Stück vollkommen abbricht in der inszenierten Tiefgründigkeit; alles fällt buchstäblich aus der Rolle, ein Handgemenge entsteht auf der Bühne zwischen den Teufeln und Faust, der als „blöde“ bezeichnet wurde. Nur noch der Regisseur kann eingreifen: „Yvonne, Toby, ab bitte, was soll der Quatsch da oben?“ Siehste, alles nur Theater.
Faust das Sinndrama, nicht als pädagogisches Lehrstück sondern als interaktive Schaubude der aktuellen Weltlage und der Frage, was denn die Welt im Inneren zusammenhält. Geld? Macht? Ruhm? Sex? Hm, vielleicht. Mit dem ursprünglichen Faust-Text hat der Rest nur noch wenig zu tun, es treten Teufel in mannigfalter Gestalt auf, ob als smarter Moderator des „Hexenkessels“, der charmant und Hände reibend das Publikum animiert, „heute abend mal Faust zu sein“ (fehlt eigentlich nur noch der Zusatz „live im deutschen Fernsehen!“) und den Saal zu Faust erklärt: „Ihr seid Faust!“ Die Parallelen zu einer unseligen Deutschland-Kampagne lassen sich nicht überhören.
Der Teufel als gelangweilter Verführer, der mit seinem Teufels-Kollegen unmotiviert und uninspiriert versucht, ein Liebespaar aus dem Boden zu stampfen („Äh …und…hast du so Hobbys oder so? Ja? Sport vielleicht? Ja?“). Kai Pflaume und Rudi Carrell als Inkarnation der Hölle. Da die Liebenden nicht so recht zueinander finden wollen, soll ein Porno Abhilfe schaffen – dargestellt von den Teufeln. Es wird bei einem alten Mütterchen mal schnell ein Rohr verlegt, wenn auch dies ausartet in einen Hexenschuss nach mehrmaligen Absprachen zwischen den Teufeln, wer jetzt wie (s)ein Rohr zu verlegen habe. Romantik? Schwein gehabt! Frisch gemetzelte Schweinsköpfe werden den beiden jungen Menschen in die Hände gelegt („Ja, wenn Sie Moslem wären, dann würde Sie das ja beleidigen, nicht?“), bevor auch diese Situation zusammenbricht und die innerdeutsche Teilung in gestalt der „Mauer“ auftritt. „Bist du jetzt also die Mauer?“, „-Quatsch, ich bin doch gar nicht mehr da, ich bin doch nur in euren Köpfen!“ Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen, sowie Thüringen und Sachsen stehen sich auf etwas unbeholfene Art gegenüber und die Mauer „in den Köpfen“ lässt sie auch nicht vorwärts kommen. So bleibt man wo man ist. Teufel noch eins!
Die Kohärenz der Szenen ist nicht mehr gegeben, als „die Königin der Welt“ auf eine imaginäre Bühne tänzelt und ihre Ansage in holprigem Englisch vorbringt: „We will fight…hungry, understand?“ Eine kleine Merkel-Impersonatorin steht vor uns und verteidigt sich gegen die Welt, die nur fordert und nicht mal vernünftig diskutieren kann. In verschiedenen Anläufen werden unterschiedliche Weltrettungskongresse abgehalten, ob nun Somalia oder Äthiopien ist doch im Grunde wurscht, ob Walfang oder „We take food out…for hungry, fight, understand?“ ebenso. Der Teufel sitzt im Off und trägt exotische Namen, bezichtigt sich gegenseitig des Massenmordes an Zivilisten, des Waffenschmuggels und – handels mit den Fördergeldern der EU.  Oder sitzt der Teufel gar in Brüssel? Wir erfahren es nicht, so wie im richtigen Leben, und zappen weiter in den Kulissen des Weltuntergangs herum.
Es folgt eine zwar schön sarkastische, aber in ihrer Wirkung abgenutzte Familienszene bei Tische, sowie eine Begegnung in einer fiktiven Polit-Talkshow zwischen Helmut Kohl und Horst Mahler als Kollision des deutschen Spießers mit dem links-rechts-gestrickten Mahler. Während Kohl schwärmerisch von seiner toten Frau Hannelore erzählt, seiner  „weißen Rose“, hat Mahler spastische Zuckungen, speit die Worte quasi aus. Dies ist äußerst unterhaltsam, aber wie auch in den meisten tatsächlichen Politshows nur heiße Luft – Inhalte bitte dringend einfügen. Und der Teufel? Nicht mehr klar zu identifizieren. 

Faust als Fragödie, als Odyssee der vor allem politischen und gesellschaftlichen Bilder, in den Köpfen und auf den Bildschirmen. Fragen nach Moral und Verantwortung, Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen. Eindeutig hat man sich schon längst dem Teufel ausgeliefert, paradiesische Unschuld ist nicht mal mehr käuflich zu erwerben. Eine Anklage des Optimierungsstrebens in den westlichen Gesellschaften, ob es nun um höhere Profite, größere Brüste oder klügere Kinder geht – nichts darf einfach so bleiben wie es war, Komparativ und Superlativ sind allgegenwärtig, Stagnation und Kapitulation (und eventueller Neuanfang) als Quintessenz aller Todsünden. Entscheidungen und Konsequenzen sind entkoppelt, Gewissen und Moral unterdrückt als Selektionsnachteil. In seiner Botschaft liegt jedoch auch die Schwäche des Stückes, ja der ganzen Inszenierung: denn, wer wird sich solch ein Stück ansehen? Für wen wird es gemacht, wer braucht es? Die Antwort auf die eigene Gretchenfrage der Kunst wird zur Existenzbedingung. Wir machen hier nicht nur Unterhaltung für den Mittelstand, Schätzchen.
Im Grunde gibt es keine einzige Antwort auf die Frage des Faust, was denn nun die Welt zusammenhalte. Vielleicht gegenwärtig: Verantwortungsgefühl für sich und andere. Prüfung der eigenen Ziele mit moralischen Grundsätzen. Und dass es quasi keine Antworten gibt. In dieser Konsequenz müsste auch das Theaterstück des Faust irgendwann einfach abbrechen, die Schauspieler sind die Vorführung der Leiden der Welt müde, verlassen die Bühne und das Spektakel und werden zu realpolitischen Akteuren. Würde man dies jedoch als Voraussetzung für solch eine Inszenierung hinstellen, gäbe es keine Unterhaltung mehr, was doch recht bedauerlich wäre. Es bleiben also mehr Fragen offen, mehr Ratlosigkeit als noch zu Beginn, mehr Verwirrung und Ungelöstheit übrig, statt Antworten zu geben – hier werden die deutlichen Überschneidungen zwischen Politikinszenierung und Darstellungskunst sichtbar.
 

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2 Antworten to “faust, eine fragödie”

  1. Jenn Says:

    Tollo, und ich war nicht da…
    I like your writtings Miss S.

  2. Anne Says:

    Liebe Fru Süle,

    Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, genau so einen unvoreingenommenen Blick wollte ich mal haben um zu sehen, wie das ganze von aussen aussieht. Ihren Stil weiß ich sehr zu schätzen. Sie sollten das professionell machen…
    Ich schickte diese Rezension eben mal an den Regisseur und den Dramaturgen, die werden sich freuen. Ich hoffe, das geschah mit Ihrem Einverständnis. Meinen herzlichsten Gruß und innigsten Dank.

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