pornokino potsdam

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Zufälle, ungenutzte Zeit und schönes Wetter brachten mich in die Nähe von Potsdam auf eine dezente Einladung zum gemeinsamen Pornogucken, wobei sich rausstellte, es war gar nicht Porno, sondern nur Sozial- und Gesellschaftskritik an ausgezogenen Menschen.
Obacht, Plotspoiler!

A hole in my heart
Schweden 2004 , Regie: Lukas Moodysson

Irgendwo in Stockholm, Suburbia, Gegenwart, Universum. Rickhard wacht nackt auf seinem Ausklappsofa in zerwühlter IKEA-Bettwäsche auf, verschwitzt, er hat ins Bett gepisst, sein Hintern ist voll Scheiße. Er wird von seinem Sohn Eric geweckt, der auf sich aufmerksam macht, indem er behauptet, in der Küche sei Feuer. Das ist aber kein Feuer. Rickhard bittet um ein Glas Wasser, Eric bringt ihm welches, das er aus der Toilette geschöpft hat.
Rickhard Kumpel Geko kommt vorbei, die Männer liegen auf dem Klappsofa und spielen Playstation. Geko trägt Goldkettchen. Irgendwann kommt Tess vorbei. Tess hat angeklebte künstliche Haare, blond mit rosa Strähnchen. Tess schminkt sich exzessiv, Tess ist 21, Tess hat sich erst kürzlich die Vagina verkleinern lassen, sie muss gerade noch das Betäubungsgel auftragen gehen.
Geko und Tess ficken, Rickhard und Tess ficken, Geko und Tess und Rickhard ficken auf dem dunkelblauen Ausklappsofa. Dabei läuft immer eine Kamera, die drei drehen Heimpornos, die die beiden Männer verkaufen um groß als Produzenten rauszukommen.
Im Prinzip ist dies schon die Synopse des Filmes. Leer und überflüssig wie die Protagonisten.
Störfaktor ist Eric, der stille Dulder dieses Treibens. Zu alt, um tatsächlich irgendwelche Schäden davonzutragen, zu jung, um der Situation aus eigener Kraft ein Ende zu setzen. Während sein Vater mit Tess und Geko zugange ist, schottet sich Eric ab in seinem abgedunkelten Zimmer; züchtet Würmer, erzählt von der Schaffung und dem Untergang der Welt. Eric hat eine verstümmelte Hand. Vielleicht hat Eric auch eine Seele.
Eric liebt Tess. Tess duscht oft. Oft fragt Geko nach seinem Schwanz, er findet ihn zu klein. Klein war Rickhard, als er als Kind vom Vater missbraucht wurde.
Der Situation kippt, als Rickhard und Geko einen Snuff inszenieren wollen. Echte Angst, echtes Blut und echte Schreie. Tess ist das Opfer. Bevor ihr die Zähne eingeschlagen werden können, stellt sich Eric dazwischen, eher zufällig als heroisch:

 „WAS ZUM TEUFEL MACHT IHR DA EIGENTLICH?“

Tess nutzt die Verwirrung und flieht aus der Wohnung. Nach Tagen der Isolation sieht sie sich konfrontiert mit der Wirklichkeit. Sie ist vollkommen hilflos. Sie sitzt zusammengekauert auf einer echten schwedischen, sozialdemokratischen Straße und weint. Sie steht in einem Hauseingang und aus ihren Ärmeln tropft gleichmäßig eine dicke rote Flüssigkeit.

Unterdessen machen sich Geko und Rickhard gegenseitig Vorwürfe.
Rickhard redet mit Geko über Eric.
Eric hätte den Kontakt zum Vater verloren.
Rickhard will eine Beziehung zu Eric aufbauen.
Geko schlägt vor, Eric mit zum Schießen zu nehmen, Jungs in seinem Alter finden Waffen total toll.
Eric will nicht zum Schießen.
Sein Vater holt eine Gaspistole vor.
Geko holt ein Luftgewehr vor.
Sie schießen auf das Poster einer nackten Frau.
Eric hat immer noch keine Lust aufs Schießen.
Eric bekommt die Waffe in die Hand.
Eric zielt.

Eric schießt.
Surreal liegt Rickhard blutverschmiert mit zerschmettertem Schädel auf dem Fußboden.
Er und Eric führen ein intensives Gespräch.
Eric analysiert den Vater: „Du bist eigentlich schwul und wenn ihr mit Tess vögelt, ist euch das nur ein Vorwand um euch näher kommen zu können.“

Der Vater ist aber nicht tot. Tess kommt zurück. Sie albern und spielen und bereiten eine Party vor, die zum Exzess werden wird. Eric holt Pflaster und klebt sich die Augen zu.

Ein Leben im Schildkrötenpanzer. Die eigenen Vorstellungen von Glück am menschlich möglichsten orientieren. Grenzüberschreitungen nur tief nach unten. Dieser Film kritisiert nicht wirklich, er bildet er ab, was Realität ist, wenn auch in Überzeichnung. Menschen, die auf sich selber zurückgeworfen sind, ohne jegliche transzendente Verbindung zur Außenwelt, eine hierarchische Höhlengemeinschaft, die nach neuen Wegen zur Existenzberechtigung sucht und miteinander bis zum letzten um sie kämpft. Ist das erschreckend? Das war vielleicht Sinn der Produktion, erschwerend kommt hinzu, dass man nicht irgendein bereits bekanntes (insbesondere inneres) Ghetto abgebildet bekommt, sondern all dies sich in einem als sauber, sozialdemokratisch bekannten und mit ewig bunten Häusern und Möbeln geschmückten Land abspielt – it’s all about nation branding. Dekonstruktion von Träumen, die eh keiner mehr hat und nur noch von außen projiziert werden, dies ist keine offizielle Touristen-Broschüre.

Dieser Film tut weh, physisch und mental. Einziges Manko: Man vergisst die zweite Kamera nicht und diese Off-Sequenzen rauben der Produktion ein sonst noch weitaus größeres Raubtier-Potential an Dogma-ähnlicher Brutalität.

Shortbus
USA 2006, Regie: John Cameron Mitchell

Gepriesen als Beitrag aus der Kino-Kontrovers-Reihe enttäuscht Shortbus nicht nur in seiner Aufmachung, sondern hat auch ebenso keine allzu interessante Botschaft (dafür, dass der Film aber eine Botschaft transportieren will).
Ein chinesisch-kanadische Sextherapeutin ist Zeit ihres Lebens unfähig gewesen, einen Orgasmus zu bekommen, Bewegung kommt in ihr Leben, als sie das schwule Paar Jamie und Jamie als Klienten kennen lernt, deren Beziehung kriselt, da einer der beiden Jamies (der einen heimlichen Stalker hat) keinen Sex haben will und zudem seit einem halben Jahr angefangen hat, fast jede Minute seines Lebens auf Kamera aufzunehmen. Sie treffen wieder aufeinander in einem Klub namens Shortbus, in dem, hoho, wilde Orgien quer durchs Gemüsebeet gefeiert werden und die Sextherapeutin auf der Suche nach einem Orgasmus ist.
So weit, so langweilig.
Der Klub gehört einem sexuell undefinierten Individuum namens Justin, der wohl unter der Artikelbezeichnung „verrückter Paradiesvogel“ geführt wird. Geschminkt, mit Flitter&Tand, exzentrisch und scharf auf alles was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Er verweist die neue Kundin auf die sexuelle Spielwiese, die sich vor ihr ausbreitet: Geschmeidige Körper die wie reife Weizenfelder hin- und herwogen unter Kerzen- und Neonlicht. Übermenschen, die hemmungslos rumvögeln. Interessant dabei die unterschiedliche Blendezeit für die ästhetischen und eher unästhetischen Menschen in diesem Getümmel.
So weit, so vorhersehbar.
Am Schluss findet jeder sein Kätzchen.

Die Suche nach dem Orgasmus führt über die Bekanntschaft einer emotional verunsicherten Domina und dem Herumliegen in so genannten „sensory deprivation rooms“, einer Holzkiste voll Wasser. Die Domina wird zum Täubchen und baut zum ersten Mal eine außergeschäftliche menschliche Beziehung auf. Na hurra. Die Sextherapeutin erkennt, dass ihr Mann zu dem Problem auch so einiges beigetragen hat, trennt sich von ihm, nicht, ohne vorher eine gesunde und sehr vernünftig-erwachsene Schreitherapie angewandt zu haben.
Die schwule Kiste probiert eine Dreiecksbeziehung, und, hach, kann sich wieder nicht zwischen Kirschen und Pflaumen entscheiden. Einer der Jamies versucht den Selbstmord (im Schwimmbad), wird gerettet vom Stalker, der sich als total lieber Kerl herausstellt, der eben auch nur mal endlich zum Schuss kommen wollte. Der andere Jamie bemerkt erstaunlich spät, dass sein Oller weg ist, findet dann auf dem Computer den Abschiedsfilm an dem das halbe Jahr gedreht wurde und ist natürlich entsetzt.
Höhepunkt ist der Stromausfall in New York (Schauplatz, wo sonst – Bielefeld vielleicht?), erstaunlich, was für schöne Kerzen die meisten Menschen für solche Gelegenheiten aufbewahren. Stalkerboy geht kurz Essen holen, als der suizidale Jamie ans Fenster tritt und seinen Liebsten sieht. Alle gehen sie wieder in den Klub, trallala, (Arbeiten diese Menschen? Haben sie alte Omas, die sie von Zeit zu Zeit besuchen müssen, müssen sie gar Rechnungen bezahlen, das Katzenklo reinigen, staubsaugen, wann haben sie Zeit gehabt, all diese Kerzen zu kaufen, wenn sie doch nur schön aussehen können und in der Gegend rumvögeln?), dort ist natürlich eine endlose Party, ein androgyner Justin-Paradiesvogel singt ein Lied vom Ende mit der Hauskapelle. Alle haben sich wieder lieb, sind alle ein bisschen klüger, ne, nicht soviel rumvögeln, auch mal ein bissi aufs Herz, die alte Sau, hören.

Und schon nervt der Film. „Kontrovers“ kann man ihn höchsten einstufen, da er für amerikanische Verhältnisse, wo in Blockbustern kopulierende Männer und Frauen meist nur bis zu den Schulter sichtbar sind, unter einer Decke liegen oder gar die Klamotten anbehalten haben, recht freizügig ist. Tatsächliche Sexszenen sind im amerikanischen Mainstreamkino nicht drin, es gibt immer eine schöne Wischi-Waschi-Blende, so dass der Zuschauer den Rest zusammenpuzzeln muss. Darauf verzichtet Shortbus, Körpersäfte und –teile fliegen durch die Gegend und landen an unterschiedlichsten Stellen. So schön kontrovers, so schön medizinisches Handbuch.
Der Film nervt mit seiner moralischen Botschaft, nervt mit seinem Anspruch, Erotik zu produzieren, wo es doch um Kopulationsoptimierung geht. Immer fein ökonomisch bleiben, Orgasmus qua Gefühlspelle, essentielle Quersumme von Stellungsversuchen, Partnertausch und sexueller Umorientierung. Der Film nervt auch mit seiner androzentrischen Perspektive, Teufel noch eins, die Frau gibt sich nur eben keine richtige Mühe mit ihrem Ollen, die Therapeutin gehört doch selbst in Therapie und im Fokus steht ein männliches Homopärchen. Es gibt eine kurze Szene, in dem in einem Hinterzimmer des ach-so-verrückten Sexklubs eine Gruppe Lesben sitzt, von denen die Hälfte dem gängigen Holzfällerhemd-Oberlippenbart-Klischee, die andere irgendwelchen Hochglanzmagazinen entsprungen sind. Und die reden natürlich nur, wie Frauen eben so sind, auch wenn’s nur halbe sind… Hauptsache, im Vorderzimmer winden und wiegen sich sehr sehr schöne Frauen mit ekstatischen Gesichtern und haben sich auch vorher alles Störende gut abrasiert und sind noch mal vorher im Fitnessstudio gewesen – um den Hintern zu stählen und zu lernen, wie man sich verausgabt, ohne auch nur einen Tropfen Schweiß zu produzieren.

Netter Film, kurzweilig, gähn. Auf den Lars van Trier Frauenporno zu warten, lohnt sich immer mehr.

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3 Antworten to “pornokino potsdam”

  1. Jenna Says:

    Ich weise sie diskret daraufhin, dass Shortbus keineswegs als aus der „Kontrovers“-Reihe stammendes Filmchen angepriesen wurde! Er gehört schlichtweg nicht zu dieser, wenn man so will: Kategorie(/Reihe)! Ich hoffe, ich bringe jetzt nicht noch nachträglich ihre ganze Rezension durcheinander Frau L…
    Ansonsten, feinsinnig beobachtet… ich schicke mal einen Link zur Anne, die war schon ganz traurig, dass sie nicht mitgucken konnte und mag den Film nicht so recht allein gucken…
    Darüber hinaus erstaunt es mich sehr (im positiven Sinne), dass du dir die Inhalte dieser zwei Filmstücke so ausgezeichnet und nahezu detailgetreu merken konntest… Respekt. Boh ya casha!
    Lover yours
    Jana

  2. nikakoi Says:

    wie, nicht kontrovers??
    warum merke ich mir das dann so?
    hm.
    insofern, du siehst, ich konnte meine bisherige kritik an den darstellern von shortbus nicht einfach nur in dein ohr sabbeln. die waren zu schön und zu flach, ich sagte es doch die ganze zeit!
    durcheinander kommt dadurch nun nüschte, alles bleibt ja so, the message isn’t really a message, etc.

  3. nikakoi Says:

    ach und l’anne war tatsächlich geknickt. warum ziert ihr euch eigentlich so und wollt den film nicht alleine gucken, mensch ey, ihr seid doch nicht mehr 12??

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