Archive for Oktober 2007

mental

Oktober 22, 2007

Heute in der Uni: Katholische Ossa trifft auf linken Wessi.

„Ach so, du studierst auch Geschichte? Ja ich fand ja das Seminar von Soundso total polemisch. Man muss schon ehrlich sagen dürfen, dass die DDR eine Diktatur war. Und es eben nicht nur immer lustig war, ne?“

„Ja, aber dafür hatten die Leute Arbeit… und die Frauen, die konnten z.B. ihre Kinder mit acht Wochen in die Krippe geben, nicht so wie heute.“

„Ich bin entsetzt! Ich bin total gegen Krippe, weil es ist psychologisch erwiesen, dass die Kinder, die damals weggegeben wurden, heute sozial total verroht sind. Also ich bin schon dafür, dass Kinder bei der Mutter sind … wenn die Kinder nämlich ein gutes Heim haben, gute Eltern, ja dann stimmt auch alles andere, dann klappt einfach alles besser. Ich persönlich finde ja die Familie das allerwichtigste … und Deutschland hat ja auch so ein Demographieproblem, … aber für Eva Hermann bin ich nicht, weil die schwafelt ja schon wieder von den Nazis … du kannst übrigens die Familienpolitik der Nazis mit der der DDR vergleichen. Das war ja alles Gehirnwäsche. Meine Eltern haben sich schon immer in der Kirche engagiert … ich bin Katholikin. Ich glaube eben an Gott, und wenn jemand kommt und sagt, ich sollte Wehrübungen machen, ne, dann geht das ja gar nicht zusammen mit meinem Glauben, dann ist das total dagegen. Und ich kann schon von Glück sagen, dass ich überhaupt studieren darf und kann, ich meine, total viele Pfarrerskinder wie ich, die studieren erst gar nicht, die müssen einen Beruf lernen und das war’s. Aber ich hab schon geguckt, dass es mit meinem Glauben übereinstimmte. Bin jetzt schon ziemlich froh und so, aber ich hätte mich auch anders entscheiden können.
Und du? Du bist ja aus Süddeutschland. Wie ist das denn so bei euch, ihr seid ja alle ein bisschen konservativer.“

„Also ich bin zwar aus Bayern, aber ich bin Sozialdemokrat.“

„Eeeeeeecht?? Also, so richtig in einer Partei?“

„Ja, ich bin bei den Linken.“

„Wie stehst du dann eigentlich zum Sozialismus, ich meine, deine Perspektive muss ja eine ganz andere sein, du hast das sicher ganz anders gelehrt bekommen.“

„Naja, ich bin gegen Diktatur, aber ich finde die sozialistische Idee….schon ganz gut irgendwie.“

„Aha, aber du weißt ja wohl, dass auch das Dritte Reich einen NationalSOZIALISMUS beinhaltete. Ich verstehe echt nicht, warum im Westen die Geschichtsschreibung immer noch so nazilastig ist. Es gibt einfach keine zwei Auslegungen! Das waren Verbrechen! Aber da waren ja auch so viele Leute drin verstrickt… aber alles wird verharmlost. Wie bei dem Professor, der die Populärkultur in der DDR so gut fand.“

(Kreis schließt sich hier. Amen)

Ich du er sie es Elite

Oktober 22, 2007

Soso. Es hagelt Auszeichnungen, Sternchen, Preise, Lob und Küsschen – ja auch an der Spree wurden Sektflöten mit Henkell Trocken gefüllt, makrobiotische Schnittchen an die hungernden Schwertträger der Gesellschaft verteilt, die Stars und Politiker aus Fernsehen und Rundfunk, das Galapersonal, die Lakaien in Livrées und weißen Puderperücken, alle waren sie da – Freunde, Familien, Fans – heute ein König; fehlt nur noch die markante stimme von Til Schweiger, die rau und herb das langsam über den Bildschirm gleitenden Panorama der Sieger in Sepiatönen zur Musik von Sarah Brightman kommentiert. „Hier sehen sie die Initiatorin des Wettbewerbs… Annette Schavan… um ihren Kopf bildet sich langsam ein Schein, der das übrige Publikum blendet.“ Kurz, wir befinden uns im akademischen Arkadien und um uns rum blüht der Spross der Elite, will sagen: wir gruben nach Rohdiamanten und fanden eine Ölquelle.

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Medienspiegel-Ei, 10. 10.

Oktober 10, 2007

Eva Herman und ihr Gang nach Canossa. Johannes  B. Kerner als Gregor VII. feiert dieses Jahr sein 930. Jubiläum. Auf die Knie, Demut und Büßergewand, Senta, Margarethe und Mario als Messdiener und Sängerknaben zum öffentlichen Medienbann der Dienerin des Adolf H. Was werden wir in 60 Jahren sagen? „Ja, es gab eine NPD in den Landtagen, aber immerhin hatten wir auch Datenautobahnen!“

Ein Kuss kostet 33.000 US$. Jedenfalls wenn er mit Lippenstift auf ein weißes Gemälde gemacht wird.

Der erste Moslem im All! Es gab eine genaue Vorgabe für den malaysischen Astro/Kosmonauten, wie er zu beten hat (nicht kniend). Die Fastenzeit des Ramadan wurde für ihn ausgesetzt, da er sich „auf Reisen befindet“. Die Statements seiner amerikanischen (katholischen? evangelischen? freikirchlichen? orthodoxen? jüdischen? muslimischen? buddhistischen? hinduistischen? atheistischen?) und russischen (katholischen? evangelischen? freikirchlichen? orthodoxen? jüdischen? muslimischen? buddhistischen? hinduistischen? atheistischen?) Kollegen waren durchgehend positiv. Es ist nichts näheres über nachdrückliche Glückwünsche des amerikanischen Präsidenten zum Zuckerfest am 13. Oktober bekannt.

Und Joris Luyendijk will die Wahrheit. Die wollen wir doch alle.

Hering im Pelz

Oktober 6, 2007

Hatte ich schlechte Laune? Hatte ich schlechte Laune.

Ok, kurze Review und dabei die Worte
„Balalaika des Todes“
„Vodkadelirium“
„Russen“
streng aufgrund von verstärkter Klischeebildung vermeiden.

Phase eins:
Grölende Menschen.
Phase zwei (nach etwa zehn Minuten):
Es steht die erste Person auf den Lautsprecherboxen.
Phase drei (etwa nach 20 Minuten):
Die ersten Stagediver fliegen tief.
Phase zweieinhalb (kurz nach dem ersten Stagediver):
Moshen moshen moshen.
Phase drei (etwa nach 30 Minuten):
Konnte nicht mehr aufgezeichnet werden, da sich das Gehirn leider von uns verabschieden musste. Wir wünschen Ihnen dennoch einen angehmen Weiterflug und beehren Sie uns bald wieder. Die Führung über den Körper übernehmen jetzt: die Füße. Stop dancin‘, if ya can.

Abgedroschen, aber wahr: Der Saal tobt. Meute, losgelassen. Happa von oben. Beweg dich!

Wer bei Lied drei nicht mitsingt, kann die Sprache nicht. Ist das deine Haut oder meine? Hm. Austausch verschiedener salziger Körperflüssigkeiten. Mangel an: Sauerstoff. Ist egal? Ist egal.
Bühne entern, noch mehr Stagediver.
Alle Jungs in
а) Aeroflot-T-Shirts und
б) blau-weiß-geringelten Armee-Shirts und
в) T-Shirts mit sinnlosen kyrillischen Aufdrucken oder
г) Baltika-Shirts
sind eindeutig Deutsche. Props an die slawischen Mädchen mit den Stelzenschuhen.

Alle odnokursnici feiern den Semesterauftakt gebührend. Komm, lass uns brüllen. Zum Schluß gibt es wunderschöne tanzende Frauen, wunderschöne fotografierende Frauen, Küsse, Schweiß, eventuell Tränen, Pfiffe und eine der würdigsten Aftershowpartys ever. Wahrscheinlich bin ich immer auf den falschen Konzerten, dies als Punkt der Selbstkritik.

ShnurOK. Ich würde gerne wissen, wie er seine Kinder in den Schlaf singt.
Irinia Denezhkina hat ihm ein ganzes Buch gewidmet: „Held meiner Zeit.“

Es ist Mainstream und es ist guter Pop, wahnsinnig guter. Wie eine handzahme Hochzeitskapelle aus den Karpaten, just fuel with some spirit.

Keine Klischees bitte, keine Folklore-Scheiße. Nur ein großer, dicker, ölig glänzender, perfekt geschuppter, silbern schillernder, grätenfreier Hering aus dem Finnischen Meerbusen, gemischt mit etwas Kartoffel, dazu vor Sonne und Sommer berstenden Gurken. Darüber: die fetteste Schicht an cremiger Mayonnaise, die es wohl je gab. Darauf liegt ein aus roter Beete geschnitztes Herz, tiefes Purpur, und blutet das Topping rosafarben.

Danke. Kommt wieder.

orðin eru gagnsæ – words are transparent

Oktober 5, 2007

Tongue United
By Jonas Moody

Uncourtesy by: Icelandic Review, issue 03/07

British autistic savant Daniel Tammet learned Icelandic in one week. On a dare. This summer the 28-year-old returned to Iceland, where he feels the landscape rivals only the number pi in beauty. Some might find this an odd comparison, but because of a rare condition called synaesthesia, numerals and letters are more than facile figures to Tammet’s mind: they express entire worlds of color and emotion.

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la grande nation

Oktober 5, 2007

Ein jeglicher Bericht über Island, so auch der des Tagesspiegels vom 23. 09. 2007, betrachtet diese Nation und seine versponnenen Eigenheiten  mit Verwunderung, Belustigung, in seltenen Fällen mit Verstörung – letzteres betrifft besonders die traditionelle Ernährungsweise mit Haifisch und sauer eingelegten Hammelhoden. Offizielle Beiträge über Insel und Bewohner müssen aber immer einer inneren Diktion von Stolz auf das eigene erfüllt sein, man versichert den Leser, alle haben es gut, es gibt Unmengen von Geld, alle seien gleich und jeder könne lesen und schwimmen, dank Saga-Tradition und heißen Quellen. Glück ist scheinbar nur eine Technik und beruht auf staatlich verordneter Progressivität.

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