la grande nation

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Ein jeglicher Bericht über Island, so auch der des Tagesspiegels vom 23. 09. 2007, betrachtet diese Nation und seine versponnenen Eigenheiten  mit Verwunderung, Belustigung, in seltenen Fällen mit Verstörung – letzteres betrifft besonders die traditionelle Ernährungsweise mit Haifisch und sauer eingelegten Hammelhoden. Offizielle Beiträge über Insel und Bewohner müssen aber immer einer inneren Diktion von Stolz auf das eigene erfüllt sein, man versichert den Leser, alle haben es gut, es gibt Unmengen von Geld, alle seien gleich und jeder könne lesen und schwimmen, dank Saga-Tradition und heißen Quellen. Glück ist scheinbar nur eine Technik und beruht auf staatlich verordneter Progressivität.


Dem ist leider oft nicht so.
Island kämpft bis heute mit dem Jahrzehnte langem Stigma, eines der rückständigsten Länder Europas gewesen zu sein. Bis in die 80er Jahre gab es nicht mal Drogen auf der Insel, der Donnerstag war fernsehfrei, dies jedoch lediglich aus Mangel an produzierten Programmen in der Landessprache. Mit dem Geld der 90er Jahre kam die Aufholjagd mit Resteuropa – alles musste auf einmal und sofort gekauft werden, jeder brauchte eine elektrische Fußmassagewanne und heute müssen es mindestens drei Autos und in jedem Zimmer des Hauses ein Flachbildschirm sein. Für ihren meist recht sinnfreien Konsum (was soll man auch an verregneten Tagen anderes tun?) sind die Isländer berüchtigt, ihnen wird das oft als Fortschrittlichkeit und „Technikvernarrtheit“ ausgelegt. Seltsamerweise haben sie zu den wenigsten Dingen, die sie besitzen, eine Beziehung, alles ist austauschbar.
Und dann gibt es noch jene, die ihre Wochenenden nicht in den suburbanen Einkaufszentren verbringen können, selbst wenn, dann nur als Zaungäste. Von den Verlierern des isländischen Booms hört man meist wenig, erstaunlicherweise haben sie jedoch eine Stimme in der Kriminalliteratur der Insel – nur dort, scheint es, gibt es Schizophrene, Behinderte, Mörder und generell eine Sorte Mensch, der dieses System, das unter Überdruck sein „Glück“ vor den eigenen und ausländischen Augen immer wieder selbst beweisen und reproduzieren muss, verachtet, sich ausklinkt und dafür dem entsprechend geschnitten wird. Bewohner aus Breiðholt, einem wachsenden Stadtteil mit hohem Ausländeranteil, die staatlich versorgten Penner und Alkoholiker vom Busbahnhof Hlemmur. Wer in Reykjavík mit dem Bus fährt, gilt als Hippie oder Sozialhilfeempfänger. Aufschwung für alle?

Fortschritt ist nur für die, die ihn bezahlen können da – so mag man die nüchterne Analyse stellen. Längst hat Island mit der zunehmenden Globalisierung  exakt dieselben Probleme wie andere Nationen auch, mögen sie nun 80 Millionen oder 300.000 (letzte Zählung) betreffen. Erst langsam widmen sich auch sonst so unkritische Medien wie die „Icelandic Review“ dem Thema der Einwanderung und dass „ausländische“ Mitbürger die angestammte Lebensweise aufs höchste herausfordern – sei es in der Namensgebung ihrer Kinder, die mit der isländischen Grammatik unvereinbar ist, der Entwertung eines Teils der ausländisch erworbenen Bildungsgrade, der Versorgung des Niedriglohnsektors (v.a. Alten- und Kinderbetreuung) mit sprachunkundigen Kräften aus Thailand und Osteuropa. Die einzige bisherige Ausländerpartei musste nach ein paar Monaten wieder aufgeben und ist jetzt im links-grünen Bündnis untergekommen – trotz zunehmender Einwanderung, trotz der anhaltenden Schwierigkeiten, die Vielfältigkeit der Welt in die zwischen USA und Europa schwankende Nussschale Island zu quetschen – Reibereien sind vorprogrammiert.
Genau diese Undefiniertheit, die Stellung zwischen zwei Kontinenten, die Position zwischen einer verlöschenden und sich immer wieder regenerierenden Tradition und einer globalen Mainstream-Kultur und den Spannungen mit der zunehmenden  internationalen Vermischung der Bewohner macht Island zum perfekten Untersuchungsort für soziologische Mikroprozesse. Alles, was in größeren Nationen in einer mehr oder weniger bewältigten Pluralität und Gleichgültigkeit untergeht, lässt sich auf der Insel weiterhin im Kleinformat beobachten – von Feminismus, Rassismus, Besatzung, kultureller Hegemonie, ökologischen Problemen bis hin zum Absterben angestammter Wirtschaftszweige und dem Umbruch zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Leider jedoch beschäftigen sich nicht nur einheimische Publikationen, sondern auch jene für den Weltvertrieb (u.a. „Icelandic Review“) immer wieder nur mit der Selbstbestätigung des eigenen Images, vornehmlich um den weiterhin wachsenden Tourismussektor als nachhaltige Einnahmequelle zu festigen. Für viele Touristen werden die zwei Wochen Jahresurlaub so zum Ponyhof deluxe, von der Realität des Landes bekommt man meist nichts mit, die Sprachbarriere verhindert das Übliche.
Vielen Touristen und Auswanderern bleibt die „Reykjavík Grapevine“, eine ursprünglich von amerikanischen Journalisten gegründete Zeitung im Großraum Reykjavík, die es jedoch mittlerweile auch in abgeschiedene Gegenden schafft und für gelegentlichen Sturm in der Nussschale sorgt – so im Sommer 2004, als eine farbige Frau in isländischer Nationaltracht das Cover zierte und die Redaktion des RG noch Monate mit u.a. Morddrohungen zu tun hatte.

Träumen den skandinavischen Traum, von Fortschritt und Bildung und endlos glücklichen Inselbewohnern, die einen Spagat (oder eher Blutgrätsche) hinlegen zwischen Subkultur und Vorstadtidylle, zwischen handgestricktem Wollpulli und Essensbestellung im Internet.
Das Problem Islands liegt an seinem eklatanten Mangel an Vielfalt bzw. seinem noch immer vorherrschenden Diskurs der Unterdrückung und Nischenverschiebung einer Vielfalt der Menschen, Sprachen, Kulturen, Biographien, Auffassungen und Ideologien (willkommen zurück in der Nussschale…). Kleinster gemeinsamer Nenner ist das Geld, das alle verdienen müssen und alle so schnell wie möglich wieder ausgeben sollen – vielleicht für einen Handmixer mit Blümchendesign? Wie auch in anderen Nationen bleiben Minderheiten unter sich, es wird ein bisschen folkloristisch über den Gartenzaun geguckt und alles ist ja auch ganz hübsch, solange sich bloß keine „Mischehen“ (v.a. farblich) bilden, aus denen dann undefinierbare Kinder hervorgehen, deren Namen vielleicht kein Mensch aussprechen kann. Immigrant Business spielt eine immer größere und teilweise unersetzbare Rolle, ein Mitspracherecht ist aber auch auf der Insel noch weit entfernt, und leider dort aufgrund der Übersichtlichkeit viel deutlicher spürbar. Von dem latenten Rassismus in den Kleinstädten und Dörfern ganz zu schweigen (doch der deutsche Michel tut’s oa net oanders): „Siggi, wir haben auch nichts dagegen, wenn Du eine dunkle Freundin hast!“ (O-Ton)

Was dem Land fehlt, ist eine andere Selbstwahrnehmung. Seit den 1950er therapiert man sich selber, jaja, wir sind wieder wer, die Briten, die Amerikaner, sie haben uns vor unserem eigenen Mief gerettet, nachdem Jahrhunderte lang die besten Köpfe meist südlich flohen, ihre feuchten Torfhütten hinter sich ließen, den stinkenden Kabeljau und zu studieren (zu leben?) begannen. Es gibt die gerne erzählte Anekdote, wie das Wort „heimskur“ (dumm, einfältig) auf die Worte „zuhause  bleiben“ (heima) zurückgeht. Die Wahrheit ist jedoch auch, dass sich konstruktiv-kritische Gespräche über Island nur mit Isländern führen lassen, die im Ausland gelebt haben oder leben, sie verfügen über die nötige Distanz. Der wohl größte Held unter ihnen ist meines Erachtens Nobelpreisträger Halldór Laxness, lange verachtet und angefeindet für seinen Glauben an Katholizismus (in einem Land mit erschlagender protestantischer Mehrheit) und Kommunismus (verfluchte kapitalistische Nussschale), später verehrt, weil sich endlich mit einem „großen“ Namen angeben ließ. Seitdem wagen sich wenige an Kritik, bloß keine Selbstreflexion über Walfang, Lohndumping bei ausländischen Arbeitskräften, Umweltzerstörung (650 PKW auf 1000 Isländer, Aluminiumfabriken in Naturreservaten…oh la la) provozieren. Keine Fragen stellen nach langjährigen Perspektiven für neue Religionen, neue Lebensweisen, ein bisschen Liberalismus und Fördergelder in die Ritzen stopfen, aber kein zweisprachiger Unterricht. Und deine Hautfarbe und die Stärke deines Akzentes entscheiden, wie schräg man dich auf der Straße anschaut. Alter Wikingerstolz, der sich für gutes Geld verkaufen lässt.

So geht der Aufschwung weiter, immer schneller, Kupplung durchtreten, wie hieß es so schön bei den Sugarcubes: taktu bensin elskan, zapf noch mal Benzin, Liebling, bevor wir gegen die Mauer knallen und diese ganze Nussschale auseinander fliegt. Schmeiß den Kabeljau zurück ins Meer und besinne dich auf nachhaltige Erwerbszweige deines sich auf den Dienstleistungssektor verlagernden Landes, lass die verdammten Wale leben, keiner ernährt sich von ihnen, lass die Harpunen auf dem Meeresgrund ruhen und schieß weniger Wildvögel mit deren Tod du anderen seltenen Tieren die Nahrungsgrundlage raubst, fettes überversorgtes Wikingerschwein in deinem langsam verfaulenden Sozialstaat. Schalte einen Gang zurück in deiner Wahrnehmung, nur weil kaum einer dein Land kennt und deine Sprache lernt, musst du aus Rache nicht alles aufkaufen, was bei drei nicht auf den mickrigen Bäumen und Johannesbeersträuchern ist, musst nicht die Arbeitskraft deiner „reinrassigen Ureinwohner“ mit ihrem wilden Gepoche auf Siedlerzeitabstammung (ein schwacher Trost für fehlenden Adel) mit der von (dunkelhäutigen) Migranten multiplizieren um so Reproduktionsarbeit zu sparen. Besinne dich endlich auf ein ökologisches Recyclingsystem, hallo 21. Jahrhundert, und schütte deinen Müll nicht immer wieder ins Meer; tu endlich was dafür, hopp hopp, dass nicht mehr so viele Wichser mit ihren Megajeeps die Innenstadt blockieren, c’mon, Reykjavík isn’t a fucking mud hole anymore! Dein jährlicher Urlaub im Ferienpark in Spanien ist kein Ersatz für eine Begegnung mit der Außenwelt, der du ja konsequent aus dem Weg gehst, deine Abschottung ist nicht mal originell. Lass endlich die Scheiße mit der Elfenwichse, damit holst du doch nicht mal deine Oma hinterm Ofen vor! The elves have definitely left the building. Plappre nicht eitel über deine tolle Natur, sondern schütze sie (aber mach endlich was gegen den widerlichen Schwefel im Trinkwasser), der Tourismus wird dir noch mal den weißen Mittelstands-Arsch retten, wenn ihr alles Viehzeug zu ungenießbaren „Spezialitäten“ verwurstet habt. Quatsch auch nicht immer von deinem ach-so-explosiven Nachtleben (von Freitag bis Samstag), es kann sich nur eine mickrige interne Hipster-Crowd leisten, nach der drei Strassen weiter kein Hahn kräht, außerdem lässt sich nachts nichts ertragen ohne den entsprechenden Alkoholpegel – spricht für die Qualität deiner Partys.
Nie hast du einem Fremden ein Denkmal errichtet. Dein Wissen über die Welt googlest du dir doch täglich, sonst bist du ein blondes, kartoffelnäsiges Nichts, und all deine Bewohner sind Produkte einer langen Linie von Inzest!

Wir kritisieren dich, weil wir dich lieben.
Und: I can hardly wait to see that old bitch again.

Für mehr Polemik:
Richard Sale: “The Xenophobe’s guide to the Icelanders”. Oval Books 2003

Für mehr Bus fahrende Sozialhilfeempfänger, masturbierende Spätaufsteher und überversorgte Muttersöhnchen mit Wikingerabstammung (inkl. dem schönsten Mann von Island laut nicht-repräsentativer Umfrage unter Berliner Skandinavistinnen):
101 Reykjavík
(Film: Baltasar Kormákur, Buch: Hallgrímur Helgason)

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