Ich du er sie es Elite

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Soso. Es hagelt Auszeichnungen, Sternchen, Preise, Lob und Küsschen – ja auch an der Spree wurden Sektflöten mit Henkell Trocken gefüllt, makrobiotische Schnittchen an die hungernden Schwertträger der Gesellschaft verteilt, die Stars und Politiker aus Fernsehen und Rundfunk, das Galapersonal, die Lakaien in Livrées und weißen Puderperücken, alle waren sie da – Freunde, Familien, Fans – heute ein König; fehlt nur noch die markante stimme von Til Schweiger, die rau und herb das langsam über den Bildschirm gleitenden Panorama der Sieger in Sepiatönen zur Musik von Sarah Brightman kommentiert. „Hier sehen sie die Initiatorin des Wettbewerbs… Annette Schavan… um ihren Kopf bildet sich langsam ein Schein, der das übrige Publikum blendet.“ Kurz, wir befinden uns im akademischen Arkadien und um uns rum blüht der Spross der Elite, will sagen: wir gruben nach Rohdiamanten und fanden eine Ölquelle.


Scheiße zu Gold.

Vom ranzigen Langzeitstudenten mit mangelnder Erwerbsperspektive bis hin zu den intellektuellen Zirkelchen einiger teilweise außerakademischer Kreise, in allen gärte es, bis die Nachricht vom Ritterschlag neuer Eliteuniversitäten in Deutschland die Runde machte. Jetzt geht der Hahnenkampf um die ungleich verteilten finanziellen und mediengerichteten Ressourcen los. Ritsche, ratsche und dein Teil vom Kuchen ist weg, Nachbar.
Wer Elite sein will, muss schon früher aufstehen. Und sollte bestmöglich kein brotloses dings, na, geisteswissenschaftliches Fach studieren. Die alte bewährte Keilerei zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften darf mal wieder voll ausgelebt werden, ein paar Almosen an Soziologen und ähnliches Gestrüpp sollten den Zorn auffangen, bewirken aber in ihrer Symbolik das Gegenteil.

Wir sind Elite.

Na endlich. Rezession knapp überlebt, Arbeitslosenquote sinkt statistisch, Krieg ist weit weg, Bildung ist toll, wir sind Elite. Allen Universitäten ein Pappkrönchen auf den Fahnenmast stecken und hui.  Mein Abitur habe ich auf dem heißen Stuhl bei Günther Jauch gewonnen, ich brauchte auch nur zwei Joker.
Bildung für die Masse ist so ein ding. Wer will das schon, andere mit sich mitschleifen bis ans Ende des BAföG-Horizontes und der Sonderermäßigung im Schwimmbad. Wer will sich einsetzen für Studenten mit Kindern, behinderte Kommilitonen, all jene, deren Monopoly-Stragie im Leben nicht aufgehen kann oder soll, deren Biographien besoffene Schlangenlinien fahren, weil sie sich ab und zu gegen „das Beste“ was es gibt am Markt der Möglichkeiten, entscheiden. Weil sie hilflos oder aus eigener Schuld auf einen Betonklotz in der Mitte des  Weges zurasen, weil sie kein weiteres Standbein, kein Vitamin B, keine Rettungsseile besitzen. Weiß der Kuckuck – das Leben ist kein frisierter CV.
Bildung für die Masse, da geht die Elite unter. Elite zu sein ist eine prima Sache, gezielte Aufmerksamkeit, Förderung, Interesse, Entwicklung, Zukunft. Dies ist jedoch unvereinbar mit einem weitaus breiteren Spektrum der Studentenlandschaft in Deutschland. Die Rosinen werden hier rausgepickt zu Missgunsten jener, die sich auch engagieren wollen – aber keinen Zugang finden und sicher auch nicht finden sollen, denn eine breiter angelegte Version jener „Elite“ macht diesen Begriff überflüssig bzw. führt ihn ad absurdum.
Elite zu sein ist Ausgrenzung mit Schleifen und Anstecknadel. Es werden neue Grenzen gezogen im akademischen Milieu, die Studienberechtigung für die große Masse lässt sich nicht mehr rückgängig machen, jedoch verdeckt weiter unterdrücken. Wer es an eine deutsche Uni schafft – gut. Wer aber ganz nach oben will, so weiß jeder, braucht eine gute Herkunft, finanzielle Absicherung und muss in Zukunft mit wohlfeilen Namen um sich werfen, die lieblicher klingen als „Bochum“ oder „Greifswald“.

Alle anderen Nicht-Elite-Universitäten haben einen Dämpfer bekommen. Sie können sich, streng genommen, nicht mal mehr um eine Verbesserung ihres Images bemühen, da eine Aufnahme in die erlauchten Kreise, d.h. eine Verbreiterung an quantitativen Elitestandorten und –zentren, dem Prinzip der Exklusivität widerspräche. Auch in Berlin ist der Groll spürbar, obwohl es schon vorher niemand bezweifelte: HU für das Grobe, FU für das Feine und TU? Tja, Sammelbecken.

Es werden künstliche Nischen geschaffen und mit ihnen neue Jobs für das schwächelnde Bildungsressort. Wer Elite in den Wald schreit, sollte ein solches Echo bekommen; das Gerangel um sinnfreies Namedropping nun auch deutscher Universitäten ist einfach nur beschämend (haben wir nichts Besseres zu tun?) und wird international kaum die Katze vom Ofen holen. Wir sind Elite – ja. Aber wir sind nicht Oxford, wir sind nicht Harvard und nicht Yale, egal, wie marode deren Inneres sein mag, in diese Nomenklatur fällt der Name „Göttingen“ oder „Karlsruhe“ eben einfach nicht. Punkt.

Deutschland hat seine Köpfe. Deutschland wird auch in Zukunft seine Köpfe bekommen. Zu meinen, Intelligenz sei immer Exzellenz, sei immer utilitaristisch verwertbar wie ein Stoss Altpapier, sei zielorientiert und wie ein Gericht im Schnellkochtopf garbar – der irrt mit Sicherheit. Zwar lassen sich auch mit Geld und Einfluss, Beziehungen und den ewig käsigen „idealen Forschungsbedingungen“ viele gewünschte Ergebnisse realisieren. Wer aber außergewöhnliches Potenzial erleben will, muss warten, muss Geduld haben. Muss auch mal besoffene Schlangenlinien abseits des goldenen Mittelweges fahren. Muss sich weit aus dem Fenster lehnen und den Kopf verlieren, um ihn neu sortiert wieder zu finden. Elite? Das Wort verursacht Kribbeln in den Fäusten, angesichts geleckter Herren und Damen am kalten Büffet. Die Armee der Kostümträger wird uns ein stück mitnehmen – und dann?
Vermeintliche selektive Vorteile werden keinen Nobelpreisträger hervorzaubern – jedoch einen Haufen horizontorientierter Pragmatiker. Die Elite von morgen – dünner als Luft.
 

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2 Antworten to “Ich du er sie es Elite”

  1. knut Says:

    ist ein guter text, glaub ich

  2. nikakoi Says:

    ich erwartete eigentlich dein friendly fire.

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