merkst du was ich merke

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Is it still november? Tage kürzer. Nächte länger. Warten aufs Christkind oder den Weihnachtsmann oder den Typen von der GEZ an meiner Tür, der mir nicht mal übers “Fest” den kleinen Spaß von sorgenfreiem Fernsehkonsum gönnen will. Weihnachten. Ist noch immer November? Is schon wieder Herbst vorbei? Der Dezember ist nur ein halber Monat in diesen Breiten. Zwischen Plätzchenrezept und Hautpflege, lass uns über Winterdepressionen reden.


Die einen behaupten, sie kriegen sie nie und haben sie, die anderen haben sie nicht und wollen sie und wieder andere sind nicht mehr ansprechbar. Winter ist eine verschissene Hure mit wackeligen Zähnen und Mettwurstatem. Und Dunkelheit ist die abgewrackte Schwester davon. Ich habe mal eine nicht allzu kurze Weile, genauer, zwei Winter am quasi Sub-Nordpol verbracht. Es war manchmal: dunkel, so unglaublich dunkel, dass man fürchten musste, es geht die Sonne nicht mehr auf. Gegen Mittag dann endlich schleppte sie sich ächzend über den Rand um dann mager auf den Schnee in der Auffahrt zu scheinen. Berge von Schnee. Meist aber überließ sie dem grauen, bleiernen Himmel das Feld. Verpisste sich aus unserem Sichtfeld, unserem Gemüt. Überließ uns den 220-Watt-Birnen, den Kerzen und einer sich langsam breitmachenden Beklemmung. Wir holten die Antidepressionslampe, die in skandinavischen Haushalten dazugehört wie die Teelöffel in der Schublade, aus dem Keller. Denn: wir sprechen darüber, und tun nicht so, als sei der menschliche Organismus ein Bollwerk, der nicht auf diese Wohltat reagiert. Winter, November, dieser Übergangsmonat, 2007, Hauptstadt der BRD: heute haben sie offiziell die Parole „Frohe Weihnachten“ an der Friedrichsstrasse aufgehängt, wie ein Imperativ der guten Laune, die aber hier kaum einer für dreifuffzich hat. Der kleine tägliche Stalinismus der Herzen. Weihnachten ist Wachs und billige Duftöle, trockene Lebkuchen bei öden Feiern in Schule, Uni, Betrieb, aufgesetzte Figuren aus Pappmaché, sowie die zyklische Spirale der musikalischen Nonstop-Beschallung nach unten. Und wir haben hier keine Antidepressionslampen (hm, naja, bis auf den tollen Sonnenlichtwecker, den sie jetzt vertreiben). First react, then think. Noch fällt nicht mal nennenswerter Schnee, nicht mal nennenswert kalt ist es, nicht mal eine nennenswerte Dunkelheit. Und auch kein nennenswertes Licht, keine nennenswerten Ereignisse, die Tage plätschern so dahin bis Silvester, dem wunderbar melancholisch-orgiastischen Höhepunkt des schwindenden Jahres. Danach wieder ein neues. Man will ja nichts glauben, nichts hoffen, bis es tatsächlich wieder Mai ist. Und so häufen sich in letzter Zeit Arvo Pärt Platten, gekoppelt mit Klassik, Emo, Songwriter. Da läuft Johnny Cash, „personal jesus“. Man wird albern und nervös. Geht das auch mal weiter. Entkoppelung vom Rhythmus. Zeit wird tatsächlich relativ, die vielen Stunden am Abend, unter Stromlicht verbracht. Geben wir’s zu, wir wollen auch Winterschlaf, wollen eine Höhle, stattdessen wieder einmal nur Tunnel und Unterführungen. Schlafen auch wenn man nicht müde ist, und müde sein trotz des Schlafes. Die biologische Uhr macht tiktiktiktiktiktiktik. Going underground, weck mich bei den Krokussen. Post scriptum: der Morgen, d.h. der Tag, die neunte Stunde nach der Nacht, die bei der siebenten Stunde aufhört, brachte einen ganz herrlichen Sonnenschein mit sich. Es ist kalt und riecht schon nach Februar. Empfehlungen: Mugison (mag ich nicht, gefällt mir aber), amiina (Amöben Rock’n’roll), Slowblow mit ihrer Interpretation von Shostakovitch. Puschenkino (Nói albínói), Nudelsuppe, Antidepressionslampe, Rollkragenpullover. Vermeiden: Weihnachtsmarkt, Süßigkeiten, Eltern mit Kindern, Basteln. Lange Zugfahrten. Nostalgie. Fettiges Essen. Turnschuhe ohne Wintersohle.

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