átján sekúndur fyrir sólupprás

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En ég/ ég sló tún/ hef slegið fjandans nóg/ og nú hvili hér.
Übergang. Dezember ist kein Monat der großen Gefühle. Eher so eine nüchterne Morgendusche. Und so wahnsinnig erwachsen dabei wirken. So – groß. Die Eltern können nicht helfen, denn in ihrer Zeit waren die Dinge klargestellt bevor das Problem anfing.

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Menschen räumen auf in ihrem Leben, freiwillig oder nicht, ein neues Jahr steht bevor, kein neues Leben, aber sortiert zurück in den Alltag. Herz in der Kiste, was soll es schon da auf dem Kaminsims, an der Wand in Gold gefasst, mit Blüten umrankt auf der Kommode, es gehört da ja nicht mehr hin. Menschen machen hinter sich das Licht aus, und wirken dabei gefasst, nüchtern, stark – und doch so unruhig und ratlos zwischen den Wahloptionen Ernüchterung und Schmerz.

Wendekreis. Nordische Woche bei nikakoi.
Eine Reise in die Nordischen Botschaften Berlins für den Film „Blóðbönd” (Blutsbande) im Abendprogramm. Neues isländisches Kino. Denkste.


Ein Bilderflackern der neuen Elite, die in Betonhäusern in verkehrsberuhigten Vierteln lebt. Reichtum, Luxus ohne Ende, Alkohol, schöne Frauen. Ist das Island? Ja, irgendwie schon. Ein Ehepaar zerbricht an der Untreue der Frau – ihr Unglück zieht weitere Kreise – Blutsbande eben. Moral von der Geschicht: isländisches Kino schwächelt ohne Ende. Das Leben ist kein steriles Betonhaus in Kopavogur, ist kein Strickpulli, kein rotblondes hochwohlerzogenes Kind von 10 Jahren. Langweilig.
Noch mehr gähn waren die Besucher: ich frage mich immer wieder, wieso der Dresscode für Islandisten scheinbar aus häßlichen, abgetragenen Wollsachen, Fleece- und Plastiksachen bestehen muss. Selbst im recht warmen Berlin. Lópapeysaklúbburinn. Und die Schuhe erst! Als würde man auf einen Berg im Innenland steigen wollen und nicht in Reihe sechs, Parkett sitzen. Gespräche postfilm, Bushaltestelle: Und wir wollen wieder hin, es hat uns so gefallen, so authentisch, so Wunderschönenatur(TM), so Schafe, so Meer, so irgendwas mit ekligem Essen dings, so egal. Der ewige Blubbertopf. Ja, da werde ich arrogant. Weil es so und anders ist. Und wer nicht mal ordentlich grüßen kann in Landessprache ist schon im Abseits. Punkt.
Es hat sich also entschieden. Mal wieder eine Reise auf die Insel (3 Jahre, ich halte mein Wort.). Am Rande des Vulkans.
Im Sommer geht es ab. Über Kopenhagen und dann wieder sehr pathetische Gesichter in Keflavík ziehen, wenn der Wind steil von rechts kommt und es vertikal regnet. Velkomin heim steht auf den Trollys. Já heima. Hvarf og uppgötun. Drei Wochen geborgte Idylle im Norwegerpulli mit Raben und Blaubeeren, Pickups, Hotdogs die so nicht heißen und der geliebten Sprache. Wiedersehen mit der Wahlverwandtschaft, mit den angedachten Mitmenschen, der erweiterten Matrix, die doch nie die eigene wird. Boot fahren mit Möwen. Angeln und Fisch braten. Sonnenuntergang um ein Uhr morgens. Bier. Honda. Krakkar. Amma. Lummar. Rabb og rababarasulta.

Wendekreis, Zenith: heima aftur, hverfa aftur, hljóðlega.
Das längste Touristenvideo über Island, das man für teuer Geld kaufen kann. Í takt við tónlistina sprechen Sigur Rós in einem unglaublich entstellten Nuschelenglisch von ihrer Heimat. Ein Film, für die Daheimgebliebenen (da war sie wieder, die Arroganz). Heraus kam ein Film, der jedoch die Musik der Band, DIE erfolgreichste der Welt angeblich, so, ja, schön, in Szene setzt, dieses Video, diesen Film hatten wir auch so oder so ähnlich immer im Kopfkino parat. Schwarzer Strand, Wiesen, Berge, Schneekuppen, Wasserfälle die rückwärts laufen. Ich sagte meiner hochgeschätzten Mitguckerin: wenn das Wort „Elfe“ oder „Troll“ egal in welcher Sprache auch nur EINMAL fällt, machen wir das sofort aus. Es gab einen Kompromiss beim Lied „starálfur“. Okee. „Heima/Hvarf“ (zuhause/Verschwinden) artet dann doch ab und zu in den surrealistischen Modus aus, in den uns SR-Lieder versetzen können, auch wenn wir uns sehr sehr lange gegen diese überwältigende Powerscheiße wehren. Da sitzen SR in dicken Pullis und mit albernen Mützen zwischen zwei verlassenen Häusern, genauso deplaziert wie die Pappmachéfiguren von Menschen, Schwänen und Möwen um sie herum. Und spielen ein Lied von einem Bauern, der unter seinem umgefallenen „Massý Ferguson“, einem Traktor, stirbt. Ein weiteres Mal spielen sie vor dem Snæfell, dem Berg mit angeblich magischen Kräften, wie Hippies und erfahrene Sektologen behaupten. Um gegen den Bau des Staudamms Kárahnjúkar zu protestieren, ein mittlerweile sinnloses Unterfangen, es ist bereits alles geflutet, 3% unberührte Hochlandfläche für immer weg, entscheiden sich SR zuletzt, das Protestkonzert ohne Strom zu spielen – wenn man schon gegen einen Stromversorger wie Alcoa protestiert, dann aber ohne seine Produkte. Und was wird da fantastabuliert, dass der Wind plötzlich aufhörte… etwas für die Märchensammler unter den SR-Fans.
Der Rest ist Landschaft – fette, satte, öde Landschaft mit nichts drin. Wüste, Sand. Die meisten Isländer lachen über die ehrfürchtigen Touristen in ihrer Mondfahrerkleidung, die jedes Blaubeersträuchlein für einen Elfenwohnung halten. Die Trockenfische zeigen sie, die toten Köpfe auf den Gestellen zum Trocknen, das typisch isländische Essen mit Blutwurst und gesengten Schafsköpfen – Touristenkram eben. Alle machen oh und ah und haste nicht gesehen. Wenn es Alltag wird, werden andere Dinge wichtig.
Und noch bevor alles zu plumper Puppenstubenromantik und Märchenstunde verkommt, da sagt jemand: I THINK ICELANDERS TRY TO BE SOMEONE THEY ARE MAYBE NOT. Auf so was muss man lange warten beim Präsidenten und seinen Neujahrsansprachen. So was hört man auch nie von Leuten, deren einziger Auslandsaufenthalt 2 Wochen Kanaren beinhalten. Aber es bleibt unter uns. Und ich maße mir nicht an, zu wissen, was die Isländer nicht seien und was sie sein sollten.
Umkreis, geschlossen.

Heldumst í hendi/allt rennblautur/enginn gúmmístígvél…og útilykt af hárinu þinu.

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2 Antworten to “átján sekúndur fyrir sólupprás”

  1. Michael Says:

    Danke danke danke! Fürs Abraten von Blóðbönd, fürs Islandisten-Bashen, fürs exakte Beschreiben meiner Gefühle beim SigurRós-Film schauen und für die beste nicht gehaltene Neujahrsansprache!

  2. nikakoi Says:

    huh!

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