black swans.

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Ich: „Asha, es ist Viertel nach sechs, auf was warten wir denn noch?“
Asha: „Na, auf den Führer!“

So geschehen heute im jüdischen Museum Berlin. Ein etwas unfreiwilliger Witz, der getoppt wurde durch das Erscheinen unseres „Führers“: „So, wollen Sie jetzt mit Antisemitismus oder ohne?“. Zum Hieressen oder Mitnehmen, schaudern Sie einfach zuhause entspannt weiter. Ich war zum ersten Mal im jüdischen Museum und surrealerweise auch noch mit einer Gruppe Polen.
Der Museumsbau an sich ist schon die Besichtigung wert: Libeskind hat kleine Labyrinthe geschaffen, die an den Wirr eines M.C.Eschers erinnern – „Nein, die Decke ist eigentlich plan.“ Alles ist schief, weil alles schief gegangen ist, so unser Guide in langatmigen, wenn auch wunderbar entkrampften Referaten. Wir gehen in den Holocaustturm, der am Ende eines immer niedriger werdenden Ganges liegt – da drinnen, im Betonturm, ist es kalt und lichtlos, es gibt kein Dach, die Winterkälte bricht herunter und speichert sich in den Wänden. Gekicher bricht sich im Hall. Hm. Pädagogisch Eins A – get the jewish feeling. Jetzt mal kurz so richtig eingesperrt sein und Beklemmung genießen bevor es wieder ins Licht und an die Zentralheizung geht.
Die Architektur zu erkunden wäre schon eine Aufgabe für sich. Erlebnispädagogik, folge dem Spieltrieb. Manchmal etwas platt und suggestiv („Ja, wie ging es Ihnen denn da drinnen? Jaaaa, schlimm, nicht? So ausweglos.“), aber ok, so ein Guide weiß ja auch nie, mit welchem Wissen oder Unwissen er rechnen muss.
Im zweiten Stock warten dann zweitausend Jahre deutsches Judentum. Ach du Scheiße. Der Guide (@hausmeister: ein 35-jähriger Klon von Mankovich, die Füße, die gelben Zähne, der Wieselblick in den Augen, die langen Finger und die Art zu reden)galoppiert vom 2. Jhd. Direkt in die Aufklärung („Hach und im Grunde bedeutet das ja, dass diese Gruppe totale Hinterwäldler waren!“), über die Ostjuden zu „Mendelssohn und seinen Jungs“ und lästert über das Museum in dem er steht. Hm. Die Pädagogik verlässt uns in der Weimarer Republik, er habe jetzt Feierabend. Wir gehen ein bisschen Holocaust gucken und dann in der Kinderecke spielen (im Glaskasten Hanukka-Plätzchenförmchen in Form von Sternen und Makkabäern. Cool.)Gesegnete Abstumpfung.

Die Geschichte hört mit 1945 auf. So als wäre dann alles auf einen Fluchtpunkt zugelaufen, unglücklich entknotet. Die Juden sind ja jetzt woanders, alle Museen, alle umgebauten Konzentrationslager, alle Gedenkstätten und jedes scheiß Furzprojekt in Deutschland ist ein Anliegen der Abwesenheit.

Und unser Guide hoppelt über uns drüber, als stünde vor ihm eine Schulklasse vom Stadtrand der großen Stadt. Er kennt nur den einen deutschen Diskurs, lebt, atmet ihn, die Räume haben eine symbolische Patina. Man fragt sich, ob man hier überhaupt sein sollte, und wenn ja, ob dieser Ort nicht eher ein Denk/Mahnmal für alle „Deutschen“ ist, sie an die Abwesenheit zu Erinnern. Aber was ist mit der polnischen Posse, mit der ich angereist bin? Sie diskutieren ein bisschen über Krakau, über Breslau und man spürt die kleinen Lücken, die das deutsche Bildungssystem seit dem Jahr X zu stopfen versucht. Ein Prasseln und Knistern im moralischen Fegefeuer meiner deutsch-deutschen DNS. Hallo, ich bin der neue Feind, und egal was ich tue, ich werde mich genauso unwohl fühlen wie ihr.

Mal geht Deutschland zu hart mit seiner Autopädagogik um, mal zu lasch. Mal bauen wir nicht genug Denkmähler und lesen zuwenig Anne Frank (das Barometer eines guten Deutschen), mal gibt es wieder zu viele Nazis, zu wenig aufrichtiges Interesse an der deutschen Vergangenheit®. Die Jugend weiß nicht mehr, was eine Diktatur ist, Guido Knopp zerrt auch noch Hitlers Perückenmacher ans Licht. Deutschland ist ein retrospektives Land und wärmt sich an seiner Vergangenheit, seltsame Nostalgie bezüglich der biederen DDR-Zeit und eine zwiespältige Gewöhnung an die irre Stirnfalte mit schwarzem Schnäuzerquadrat – wie mein litauischer Mitbewohner mal anmerkte, es gibt keinen Samstagabend im deutschen Fernsehen ohne Hitler.

Und da bleibt die Geschichte als warnender Imperativ stehen, sie hängt wie eine kaputte Schallplatte. Die deutsche Geschichte geht aber weiter, ächzt vorwärts und bricht sich die Beine. Die jüdische Geschichte geht weiter, sogar, man glaubt es nicht, die deutsch-jüdische Gesichte geht weiter! Es wird viel gemahnt, und viel gedacht und viele Frauenprojekte tanzen sich mit organischem Grüntee den Antisemitismus von der deutschen Seele, und jeder zündet sein Kerzlein an und büßt still vor sich hin für den blöden Umstand, seine Geburtsturkunde auf der Täterseite erhalten zu haben. Maxim Biller ruft Peter Sloterdijk entgegen, Deutschland sei das prosemitischste Land der Welt nach Israel, und so gerne er damit provozieren will, hey, es gelingt ihm auch! Schock! Sind wir also wieder gut?

Und wie gut wir sind. Wir sind so gut, wir holen die Ostjuden rein, ab 1991 mit derselben Regelung über „Abstammung“ wie 1935 („So, Sie sind also Achteljude…“), das friedliche und selbstverständliche Nebeneinander von Deutschen, Juden und den ganzen anderen wird abgesichert (nur für den Fall, dass) durch das Dauerpatroullieren von Polizisten vor jeder jüdischen Einrichtung, und wenn einer noch mal auf dem Berliner-Betonmahnmal seine Butterstulle auspackt oder lacht, der fliegt raus aus dem schönen Spiel. Dass die DDR z.B. ein antisemitischer Staat war, wen interessiert’s, solange man sich wehleidig an Blümchentapete, Club-Cola und Pittiplatsch erinnern kann. Dass der Anpassungsdruck in der BRD enorm ist – nur ein praktizierender Jude ist ein guter Jude und nur auf die scheint es anzukommen – ist doch auch nicht unser Problem. Wir haben die Arme so weit offen bis sie uns abreißen.

Eine positive Diskriminierung. So gut ging es euch lange nicht – bei uns. Wer bei uns nicht lernen will muss fühlen – ab in den Holocaustturm. Alternativ kann man auch Schulklassen gruppenweise in umliegende KZs karren, vor ihre Augen Vitrinen mit tausend paar Schuhen, Kubikmeter abgeschnittener Haare und Brillenhaufen zerren. Man muss ihnen das Gegengift zum Antisemitismus einimpfen, sie schützen vor den bösen Gedanken. Die Entwicklung einer eigenen, subjektiven Wahrnehmung ist nicht erwünscht. Denn dies schlösse neonationalsozialistische Auslegungen und Folgerungen nicht aus – obwohl ich frech behaupten würde, der Dorfnazi von nebenan wüsste gar nicht, wo er anfangen sollte, nach seinem Intimfeind zu suchen. Im Prinzip ist er gegen „das andere“ – in welcher kreatürlichen Hülle oder symbolischem Konzept sich das konfiguriert ist erstmal Wurschtsalat.

Also alles im Fluchtpunkt verhaftet, alles fliehend. Die Tangente mit Parallele.

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