auf du und du mit dem neoliberalismus

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Eine Frau, die ich kenne, jedoch nicht unbedingt schätze, die sogar zwei Jahre jünger ist als ich, erzählte mir neulich, sie sei der jungen Union beigetreten. Da staunte ich sehr – es gibt sie noch, die Konservativen im Wolfspelz, die mit den stylischen Frisuren, nonkonformen Studienkostümen und Parteiausweisen? Ich habe hingegen schon allergrößte Schwierigkeiten, einen semidemokratischen Akt wie die Studierendenparlamentswahl überhaupt ernst zu nehmen und hätte mir nicht eine wiederum andere Frau, hübscher, älter und intelligenter als oben genannte mit Dresche gedroht, falls ich nicht gehe („Sonst gewinnen doch nur wieder die Rechten!“), hätte ich mich nicht dazu bequemt.
Im gleichen Zug erzählte mir dann obige Frau auch, dass sie nun regelmäßig ins Fitnesstudio geht und auch mehr darauf achtet, in ihren Klamotten seriös zu wirken.
Wir leben in Zeiten des neoliberalen Gewinsels. Aber was soll man eigentlich am Neoliberalismus schlecht finden?

Das große böse N-Wort basiert auf einer Denkweise, die fast jedem erst einmal einleuchtet. Es geht darum, sich selbst zu disziplinieren, damit man seine Ziele erreicht, es geht darum, aus einem Angebot das für sich individuell beste herauszupicken. Keiner wählt absichtlich etwas schlechtes, niemand hat Interesse daran, sich selbst die eigenen Wege abzuschneiden, Steine in den Weg zu legen, Träume platzen zu lassen. So weit, so neoliberal.
Interessenverfolgung nach egoistischen Prinzipien ist – so kann man pauschal behaupten – natürlich. Selbst altruistisch anmutende Gesten basieren auf einer Kosten-Nutzen Kalkulation, die jedoch niemals explizit gemacht werden darf. Darin liegt der Zauber, die Transzendenz. Die Einladung zum Essen, die unentgeltliche Hilfe, ja auch investierte Zeit und Mühe sind Elemente einer Kostenrechnung, die jedoch nicht angesprochen werden sollte und auch keinerlei relationale Maßeinheit besitzt.

Im Sommer lag mir dann mein Mitbewohner in den Ohren, er würde zum G8-Protestcamp fahren und ich wäre ein neoliberales Schwein, wenn ich nicht mitprotestierte – ich Zwerg gegen die großen Namen auf der Bühne der Selbstdarstellung. Sicher, wenn keiner losgeht, wird niemand ankommen. Dennoch verhallte das Getöse schon am Sicherheitszaun. Wer damals noch Neoliberalismus schrie, hatte sich selbst organisiert, reglementiert, lief in einer Reihe auf zum Gegenprotest und erfüllte das Programm der sanften Führung somit implizit zur vollsten Zufriedenheit der Staatsmacht. Gegen den Staat sein – was heißt das bitteschön, fragte ich den Mitbewohner. Der Staat in Form von einigen Einzelnen, die sich mit einem ausgeleierten Demokratieprinzip haben wählen lassen? Einer Bevölkerung, die mit Arbeiten, Fitnesstudios, Verträgen, Sicherheitskonzepten, Fortschrittsglauben viel zu abgelenkt ist von ihrer aktiven Beteiligung? Der Staat, so ich, existiert nicht, gegen wen willst du deine Parole rufen?
Das Problem des Neoliberalismus ist nicht unbedingt seine Philosophie. Nicht mal sein Menschenbild. Der momentane Mainstream dieses Konzepts ist ebenso unter ein paar Einbußen zu verschmerzen. Das Problem des Neoliberalismus ist, dass seine Prinzipien wie (Selbst)Disziplin, Gefügigkeit, freiwilliger Gehorsam, Selbstmanagement, Selbstoptimierung nicht nur optionale Prinzipien sind, die anzunehmen oder abzulehnen oder partiell zu integrieren wären. Nein – Neoliberalismus muss zwangsweise ins Blut übergehen, es ist keine Form, kein Anzug, den man an- und ausziehen könnte. Entweder ganz oder gar nicht, Anpassung oder Ausschluss. Erschreckend auch, wie diese Prinzipien übergreifen in alle Lebensbereiche, nichts scheint verschont zu bleiben, nirgendwo eine Spur von Transzendenz oder Rückzugsmöglichkeit. Die Welt von gestern ist entzaubert und ihre Fehler liegen verstreut herum.

Problem ist der Ausschluss. Der Neoliberalismus lässt keine Schauplätze des Widerstandes zu, rustikale Alt-und-Neulinke protestieren hie und da, aber was sagt der Pöbel? Der schweigt, gelähmt von den Anforderungen, den Preisen, den Konzepten. Wer nicht mitzieht geht gnadenlos unter. Alles muss durchdrungen werden, alles muss informiert sein, eine fülle von unhinterfragten Daten und Kontrollmechanismen werden ausgeführt – doch dahinter steht oft ein großes Nichts. Was sollen wir mit Information XY? Widerstand ist zwecklos, die Selbstdisziplinierung schaltet nicht nur Kritik an den Zuständen aus (und am eigenen Ich an), sondern lässt auch kaum Raum für die Entwicklung selbiger.
Des Weiteren fehlen alternative Konzepte, ohne die der Neoliberalismus in seiner jetzigen Form weiter bestehen kann. Institutionen aller Art sind durchtränkt von ihm, aber es mangelt an Inhalt. Die Strukturen sind perfekt aber was ziehen wir aus ihnen? Der Neoliberalismus will Ressourcen freisetzen und verteilen, Zugang durch Bemühung. Nur: die Ressourcen wie Kapital, Bildung, Arbeit, Güter usw. sind vollkommen ungleich verteilt. Das Karussell dreht sich scheinbar nur für die, die schon frühzeitig investiert haben. Die Ungerechtigkeit vieler Mechanismen die zu einem unrealistischen Aussiebungsverfahren führen sind nicht neu – was seither fehlt ist die Möglichkeit des Protestes vor dem Ausschluss, eine Möglichkeit tatsächlich zu entscheiden aus einem Angebot, das nicht unbedingt angeboten wird, einer wahren Handlungsoption und nicht nur pluralistisch konzipierter Lenkung.

Studienreform, Währungsreform, Geburtenkampagnen, „Du bist Deutschland“, Leitkulturdebatte, Ausländerrechtsverschärfung, Rentenversicherung, PayBackRabattsystem, Mediendebatte, PISA-Test, Bio-Ernährung, Terrorismusboykott, Elite, Globalisierungskritik, Monopolstellung, Gleichstellung, Rechtschreibreform… wir wollen doch nur das Beste.

Es täte eine Kultur des Ungehorsams Not. Eine Philosophie des Scheiterns. Ein Fest des Verwurfs. Eine Elite der Perspektivlosigkeit. Eine Agenda des Rückzugs. Eine Kampagne der Aufgabe. Ein Konzept der Kapitulation. Neustart? Maybe. (Aber nicht mit der Jungen Union.)

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4 Antworten to “auf du und du mit dem neoliberalismus”

  1. pavel Says:

    „Interessenverfolgung nach egoistischen Prinzipien ist – so kann man pauschal behaupten – natürlich. Selbst altruistisch anmutende Gesten basieren auf einer Kosten-Nutzen Kalkulation, die jedoch niemals explizit gemacht werden darf. Darin liegt der Zauber, die Transzendenz. Die Einladung zum Essen, die unentgeltliche Hilfe, ja auch investierte Zeit und Mühe sind Elemente einer Kostenrechnung, die jedoch nicht angesprochen werden sollte und auch keinerlei relationale Maßeinheit besitzt.“

    Zuviel Houellebecq gelesen, was? 😉

    „Nein – Neoliberalismus muss zwangsweise ins Blut übergehen, es ist keine Form, kein Anzug, den man an- und ausziehen könnte. Entweder ganz oder gar nicht, Anpassung oder Ausschluss. Erschreckend auch, wie diese Prinzipien übergreifen in alle Lebensbereiche, nichts scheint verschont zu bleiben, nirgendwo eine Spur von Transzendenz oder Rückzugsmöglichkeit. Die Welt von gestern ist entzaubert und ihre Fehler liegen verstreut herum.“

    Das ist wohl bei den Leuten der Fall, die sich berufsmäßig den Arsch aufreißen von morgens bis abends und sich intensiv mit ihrer „Karriere“ befassen. Die Breite der Gesellschaft genehmigt sich derweil eine weitere Kaffeepause und freut sich auf den Betriebsausflug als Transzendenz und Rückzugsmöglichkeit.

    „Des Weiteren fehlen alternative Konzepte, ohne die der Neoliberalismus in seiner jetzigen Form weiter bestehen kann. Institutionen aller Art sind durchtränkt von ihm, aber es mangelt an Inhalt.“

    Institutionen aller Art sind durchtränkt von Schlendrian, Faulheit und Inkompetenz, das weiß jeder, der mal in einer x-beliebigen Firma „gearbeitet“ hat.

    „Der Neoliberalismus will Ressourcen freisetzen und verteilen, Zugang durch Bemühung. Nur: die Ressourcen wie Kapital, Bildung, Arbeit, Güter usw. sind vollkommen ungleich verteilt.“

    Der Neoliberalismus sagt, dass er „Zugang durch Bemühung“ will. In Wirklichkeit will er ein bestimmtes status quo zementieren, das heißt ein gesamtgesellschaftliches Töpfchen und Kröpfchen. Damit alles so bleibt, wie es ist und „schon immer war“.

    „Eine Philosophie des Scheiterns.“

    Lec und Cioran wird man nie in der Schule lesen, leider oder zum Glück

  2. nikakoi Says:

    ich hatte nicht vor, eine politisch tiefgründige abhandlung darzubieten (you know, ästhetisieren til ya drop), besserwissen kann man ja immer.
    houellebecq? nein, simply anthropologie schätzchen.

    „Die Breite der Gesellschaft genehmigt sich derweil eine weitere Kaffeepause und freut sich auf den Betriebsausflug als Transzendenz und Rückzugsmöglichkeit“

    …und werden bei der nächsten Rechnungsprüfung als erste ganz untranszendental gefeuert. Oder ziehn wieder mal ne Nummer bei der Arbeitsagentur (Agentur, hossa, nicht Amt!).

    „Institutionen aller Art sind durchtränkt von Schlendrian, Faulheit und Inkompetenz, das weiß jeder, der mal in einer x-beliebigen Firma “gearbeitet” hat.“

    ?

    „Damit alles so bleibt, wie es ist und “schon immer war”.“

    Dann erzähl mal, wie war es denn „früher“? wieviel „früher“? vor 3, 10 Jahren, 30, 100?

    Nicht der beste Beitrag zugegeben. Und nicht die beste Antwort. 😉

  3. Stas Says:

    „nein, simply anthropologie schätzchen“

    Eine schwache Anthropologie ist das aber, die sagt, dass eine Kosten-Nutzen-Rechnung natürlich sei. Äußerst zweifelhaft, nicht nur Begriffe, sondern auch noch Begriffe von solcher Komplexität für menschliches Handeln a priori vorauszusetzen. Setzen, sechs.

  4. pavel Says:

    „nein, simply anthropologie schätzchen.“

    Komm, dann pack auch noch die Anthropologie aus, die behauptet, etwas sei „funktional“, weil es „gut für die gesamte gesellschaft“ ist. so eine gab’s auch mal.

    „Dann erzähl mal, wie war es denn “früher”? wieviel “früher”? vor 3, 10 Jahren, 30, 100?“

    Das „früher“ ist keine Zeitangabe, sondern eine Vorstellung, die in diesem Fall jenseits meiner Definitionsmacht liegt. „Früher“ is what THEY want it to be.

    „…und werden bei der nächsten Rechnungsprüfung als erste ganz untranszendental gefeuert. Oder ziehn wieder mal ne Nummer bei der Arbeitsagentur (Agentur, hossa, nicht Amt!).“

    Ja, na sicher. Es ist ja auch billiger, neue Leute anzulernen, die nach zwei Jahren im Betrieb immer noch nicht wissen, wo im verzweigten Verzeichnisbaum die DOC-Dateien der Verträge von letztem Monat liegen. Der Faulpelz mag ein son of a bitch sein, aber er ist „unser“ son of a bitch. Schau dich mal in einer Firma um, da wird dir ganz anders. Dann weißt du fast alles über den Wirklichkeitsgehalt der neoliberalen Märchen.

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