Archive for the ‘musik’ Category

ctrl

Februar 18, 2008

zurück in der kleinstadt, hatte die ehre, nach wochen endlich auch mal in den genuß von „control“ zu kommen – jaja, ian curtis, joy division, england, 1980, ihr wißt schon.
anton corbijn ist in erster linie fotograf, nicht erzähler. somit ist „control“ in auch nicht direkt ein musikfilm (subjektiv gesehen), sondern ein narzisstischer eiertanz des ian c. banale, wie aber auch essentielle fragen werden einfach mal im zuge dessen wegrationalisiert oder nicht ebenbürtig verflochten – z.b. wie herr curtis denn überhaupt seine mates trifft und die musik als ausdrucksmittel entdeckt und so. wer in so einer kleinen verschissenen sozialwohnung mit mum&dad wohnt, hat das geld für die erste gitarre – wo bitte her? vom sozialamt?
der bruch mit der welt von rockstarhausen und curtis‘ gang zum arbeitsvermittler (als the arbeitsvermittler himself) ist köstlich – nur, woher hat der junge den job? fragen über fragen. werden nicht aufgeklärt, stehen im raum für eine generation post-joy-division.
ganz sehr ärgerlich ist der part der frauen in diesem film. corbijn wants to tell a tale and they are only props to the setting. debbie, der name ist programm, blond, englisch, girly, proper. endlos tolerante liebende hausfrau mit kind an einer hand und der schmutzigen unterbuxe des northern lad und im grunde peter-pan-kindmannes ian in der anderen. debbie, die zum schweigen und entrüstet still leidende degradierte, die in vielen zweideutig-eindeutigen situationen den mund nicht aufkriegt und immer wieder zurückkommt, immer wieder am telefon wartet oder einfach nur zuhause den existentialistischen haushalt schmeißt bis der göttergatte doch noch tee will und „ins bett kommt“ (eine mama würde es nicht anders sagen). und dann dieser reve-noire in high heels und tightem dress, annick, gespielt vom a.m. lara. ihre rolle? wunderschön aussehen, dem helden die schweißnassen haare zärtlich aus dem gesicht streichen, ein bißchen die augen rollen und auf-und-zu-machen, hach ist das wieder alles intensiv hier. „ich habe angst mich in dich zu verlieben“, excuse me, wo sind wir denn? albern. am schluß viel weinen und von den mates getröstet werden, aber immer noch wunderschön aussehen, ach ja. der rest der, ähem, frauen sind fans, ganz vorne, mittwippen, pony schnippen, gut aussehen, bloß nichts sagen, aber sich dann wegen so’ner ollen umbringen.
musikalisch wird irgendwie auf „love will tears us apart“ hingearbeitet, das dann auch schön eindeutig am richtigen punkt gespielt wird, na dann, von mir aus. geradezu dämlich jedoch die schlußszene mit „atmosphere“ und einer schreienden frau, die gerade ihren ehemann erhängt in der küche gefunden hat. als ob so ein ereignis, eine solche szene nicht schon von intensiv genug wäre, nein, corbijn legt noch einen netten sülz mit dem synthie von „atmosphere“ oben drauf. als ob es nicht stille bräuchte, ist nicht alles gesagt worden, die revolution hat ihre kinder gefressen und das böse grummeln und nervöse augenzucken sind für immer verstummt. tja. aber es geht ja um die bilder, nicht wahr. die synopse reitet
abschließend auf curtis‘ liebesleben rum als ob das plötzlich zentraler wäre als die musik – also was nun, biographie oder rockoper? eher videoclip mit bewegten stills, schwarz-weiß für diejenigen, die noch nicht ganz wissen, oha, gleich wird’s richtig minimal und ernst.
nein nein, dennoch ein schöner film, ohne zweifel. jedes bild, jedes einstellung ein meisterwerk der beobachtung, der inszenierung eines durchaus mythenreichen stoffes und eines rockstar-klassikers. die musik, die dünnen und blassen gesichter des prä-heroine-chic, das nervöse und deprimierende dieser zeit, und überhaupt, manchester. traumhafte szenen, ian gelangweilt und müde vorm fernseher, mutter curtis beim sockenstopfen, ian mit den worten HATE auf den mantel geschmiert (allerbest of best!), aber eben – ian. nimm uns mit in deine autistisch-eingeschränkte welt, in der man nicht versteht, WAS denn nun wirklich zum suizid führte. love, money, fame, the everyday bit of boredom piled up as depression. he’s lost control again, aber kontrolle brauchen v.a. unsichere menschen und da schlingert der film wieder gefährlich in seinen poeto-gleisen. unschlüssig, diese geschichte, wortwörtlich.

postedit: this film will be finally remembered as depicting a time when people still smoked and they had real telephones, dude.

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Hering im Pelz

Oktober 6, 2007

Hatte ich schlechte Laune? Hatte ich schlechte Laune.

Ok, kurze Review und dabei die Worte
„Balalaika des Todes“
„Vodkadelirium“
„Russen“
streng aufgrund von verstärkter Klischeebildung vermeiden.

Phase eins:
Grölende Menschen.
Phase zwei (nach etwa zehn Minuten):
Es steht die erste Person auf den Lautsprecherboxen.
Phase drei (etwa nach 20 Minuten):
Die ersten Stagediver fliegen tief.
Phase zweieinhalb (kurz nach dem ersten Stagediver):
Moshen moshen moshen.
Phase drei (etwa nach 30 Minuten):
Konnte nicht mehr aufgezeichnet werden, da sich das Gehirn leider von uns verabschieden musste. Wir wünschen Ihnen dennoch einen angehmen Weiterflug und beehren Sie uns bald wieder. Die Führung über den Körper übernehmen jetzt: die Füße. Stop dancin‘, if ya can.

Abgedroschen, aber wahr: Der Saal tobt. Meute, losgelassen. Happa von oben. Beweg dich!

Wer bei Lied drei nicht mitsingt, kann die Sprache nicht. Ist das deine Haut oder meine? Hm. Austausch verschiedener salziger Körperflüssigkeiten. Mangel an: Sauerstoff. Ist egal? Ist egal.
Bühne entern, noch mehr Stagediver.
Alle Jungs in
а) Aeroflot-T-Shirts und
б) blau-weiß-geringelten Armee-Shirts und
в) T-Shirts mit sinnlosen kyrillischen Aufdrucken oder
г) Baltika-Shirts
sind eindeutig Deutsche. Props an die slawischen Mädchen mit den Stelzenschuhen.

Alle odnokursnici feiern den Semesterauftakt gebührend. Komm, lass uns brüllen. Zum Schluß gibt es wunderschöne tanzende Frauen, wunderschöne fotografierende Frauen, Küsse, Schweiß, eventuell Tränen, Pfiffe und eine der würdigsten Aftershowpartys ever. Wahrscheinlich bin ich immer auf den falschen Konzerten, dies als Punkt der Selbstkritik.

ShnurOK. Ich würde gerne wissen, wie er seine Kinder in den Schlaf singt.
Irinia Denezhkina hat ihm ein ganzes Buch gewidmet: „Held meiner Zeit.“

Es ist Mainstream und es ist guter Pop, wahnsinnig guter. Wie eine handzahme Hochzeitskapelle aus den Karpaten, just fuel with some spirit.

Keine Klischees bitte, keine Folklore-Scheiße. Nur ein großer, dicker, ölig glänzender, perfekt geschuppter, silbern schillernder, grätenfreier Hering aus dem Finnischen Meerbusen, gemischt mit etwas Kartoffel, dazu vor Sonne und Sommer berstenden Gurken. Darüber: die fetteste Schicht an cremiger Mayonnaise, die es wohl je gab. Darauf liegt ein aus roter Beete geschnitztes Herz, tiefes Purpur, und blutet das Topping rosafarben.

Danke. Kommt wieder.

musik für eine andere wirklichkeit

August 27, 2007

Ein Zufall brachte eine Blumfeld-Platte zu Tage: Testament der Angst, Kompositionen über den Zustand wenn nichts mehr weitergeht und dann ist man plötzlich durch damit.

Testament der Angst kam heraus als ich 16 war und ich L-I-E-B-T-E Blumfeld, als Rettung aus der Kleinstadthölle, als Distinktionsmittel, mein Intellekt vs. deiner. Ärzte gegen Blumfeld, Tote Hosen gegen Blumfeld, Fanta Vier gegen Blumfeld.
Ich habe Blumfeld damals zweimal live gesehen in der kleinen Stadt und es war nie umwerfend. Blumfeld-Konzertgänger wippen ein wenig mit dem Oberkörper und gehen höchstens aus sich raus bei
a) Tausend Tränen Tief (Klammerblues für Paare)
b) Verstärker (Kopf ab und rauf in die Luft).

Und doch war es unglaublich, ein ganzer Saal voller Blumfeld-Fans, es gibt so was wie eine Hoffnung, denkt man da, man ist aber nur 16 und muss aber am nächsten Tag in die Schule und auf all diese Freiheiten noch bissi warten.

Wer Blumfeld hörte hatte in einer kleinen Stadt schnell Feinde. Wer Blumfeld hörte, wäscht auch der Deutschlehrerin Sonntagnachmittag das Auto. Wer Blumfeld hört, trägt hässliche Brillenmodelle. Blumfeld machen Kopfmusik mit Texten und zu Blumfeld kann man nicht tanzen.
Ich hörte stur Blumfeld. Eine, wie ich jetzt weiß, schimmernde Ahnung von großen Gedanken, die es in der kleinen Stadt nicht zu finden gab. Eine Ahnung eines wirklich besseren Lebens das man dann eines schönen Tages hinterm Horizont beginnen würde zu leben.

Leben tauschen sich nicht aus. Man nimmt sich ja immer überall hin mit, was für ein Manko der Physik.

Ich will die Wahrheit sagen, darf ich ganz offen sein, ich will Prozac haben.

Mit 16 wollte ich endlich 30 sein, die ganze dumme und überflüssige Jugend überspringen, das Erlernen von Kultur- und Sozialtechnik ausklammern, weil das alles großer Quatsch ist. Ich wurde nicht 30, ich verließ aber die kleine Stadt und seitdem wollte ich auch nicht mehr 30 sein. Auch die Kultur- und Sozialtechniken werden wieder aufgenommen, alte archaische philanthropische Traditionen, nicht ohne immer wieder Zweifel zu hegen:

Ich will nicht in eurer Logik leben.

Und geil, endlich bin ich wirklich alt genug, um Blumfeld zu hören. Selbst Schuhe binden wird zum religiösen Akt. Endlich ist das vorausgenommene Denken der Jugend das des jungen Erwachsenenlebens, endlich füllen sich die Zeichen mit Inhalten, endlich darf man auch komplexe Gedanken ohne störende Eingriffe von außen genießen.

Ich will Gewissheit haben.

Es gibt viele tolle Blumfeld-Lieder. Vielleicht ist Testament der Angst kommerziell und poppig (jaja, Todesurteil), aber Graue Wolken und Anders Als Glücklich sind schon voller lyrischer Perlen auf eine Schnur gereiht. Anders Als Glücklich dabei als das persönliche große Lexikon, ach was leiden wir alle an der Welt. Graue Wolken als das große komprimierte Denken in entleerten Strukturen. Endlich ergeben die Worte einen Sinn, kein wütendes Protesthören mehr unter dem Stereokopfhörer, nein, selbst Distelmeyers Liebeslyrik hat Füße bekommen und führt mich mal kurz rum.

Da hatte man Blumfeld selber schon abgeschrieben, hämische Glückwünsche zum Abschied der Band kamen – natürlich – aus der kleinen Stadt. Texte in eine neue Lebensphase rübergerettet und dann hört doch von mir aus Tote Hosen in der kleinen Stadt. Mir auch egal.

In 7 Jahren bin ich 30. In ihnen auch ein Stück von mir zu sehen.

Vielleicht ist das schon viel. Vielleicht wird das auch alles sein.

hörbefehlskette I

April 27, 2007

Bob Powell. Wie war das? Hörbefehl ist vermutlich das richtige Wort. Für einige wohl etwas zu experimentell, aber niemand kann sich rausreden, ist umsonst nämlich, die Mucke, z.B. im Gegensatz zu Captain Beefheart oder Red Crayola. Also, hören, jawoll.

(via Black Sweater, White Cat wo es zwar nicht immer, aber oft genug nette Sachen aus dem Universum der freien Musik gibt)